Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte

Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine juristische Zeitreise durch die BRD

Am Anfang dieses Films steht ein Bild. Es zeigt drei Männer, drei Anwälte im Gerichtssaal. Allerdings sind nur zwei von ihnen, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele – in ihrer Rolle als Anwalt auf diesem Bild zu sehen, der dritte, Horst Mahler, steht unter Anklage und wird von seinen beiden freundschaftlich verbundenen Kollegen verteidigt. Mahler, vorher unbestrittener Star unter den Berliner Anwälten, steht wegen der Mitgliedschaft in der Roten Armee Fraktion vor Gericht. Diese Fotografie nimmt Birgit Schulz zum Ausgangspunkt für eine ebenso spannende wie faszinierende Zeitreise durch die drei Biographien der Abgelichteten und verdichtet anhand der Lebenswege und Interviews, die sie mit Mahler, Schily und Ströbele führt, die bundesrepublikanische Geschichte zu einem sehr dichten, spannenden und überaus persönlichen Dokumentarfilm.
Auch wenn das Bild der Ausgangspunkt des Films Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte ist - die eigentliche Story setzt bereits in den Sechzigern ein. Mit einer gelungenen Mischung aus Archivmaterial und Interviews zeichnet die Regisseurin das Entstehen der Außerparlamentarischen Opposition und den wachsenden Widerstand gegen die Vietnampolitik der USA sowie gegen Altnazis als wichtige Funktionsträger der BRD nach, widmet sich den Demonstrationen gegen den Besuch des Schah in Berlin und den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am Beginn einer zunehmenden Radikalisierung der APO steht. Mahler, Ströbele und Schily sind bereits zu diesem Zeitpunkt fester Bestandteil der Protestbewegung gegen die verkrusteten Strukturen der Bundesrepublik Deutschland und nehmen als Anwälte an diesem Kampf teil – zunächst noch mit rein juristischen Mitteln. Später wird ausgerechnet Mahler, der zu diesem Zeitpunkt arrivierteste der drei Anwälte, sich immer weiter radikalisieren und in den Untergrund gehen.

Entlang der historisch bedeutsamen Stationen hangelt sich der Film chronologisch entlang, lässt die drei Beteiligten immer wieder die Geschehnisse kommentieren und verdeutlicht so deren Denken und Handeln, macht Zeitgeschichte spürbar und nachvollziehbar. Und gerade die unterschiedliche Entwicklung, die verschiedenen Karrieren, die die drei Protagonisten im Laufe der Zeit genommen haben, machen dabei einen ungeheuren Reiz aus. Am stärksten ist dies bei dem ungeheuer eloquenten und sehr sachlich argumentierenden Horst Mahler der Fall, der im Jahre 2000 der NPD beitrat und sich seitdem vom Linksradikalen zu einem rechtsradikalen Holocaust-Leugner gewandelt hat. Doch auch die Wandlung Otto Schilys ist erstaunlich. Auch wenn er selbst diese Entwicklung durchaus schlüssig und stringent nachzeichnet. Sein Weg vom engagierten Strafverteidiger von Horst Mahler und Gudrun Ensslin über seine Rolle bei der Gründung der Grünen bis hin zu seinem Wechsel in die SPD und schließlich seine Tätigkeit als polarisierender Bundesinnenminister sieht er vor allem in seinem festen Glauben an die Rechtsstaatlichkeit als oberstes Prinzip begründet. Hans-Christian Ströbeles Lebensweg weist keine radikalen Kehrtwenden und Veränderungen auf, innerhalb der Dreierkonstellation ist er die Konstante, wirkt seine Biographie auf den ersten Blick als weitgehend bruchfrei.

Auch wenn Die Anwälte an einer Stelle durch neue Erkenntnisse ein wenig überholt wirkt (der Todesschütze des Studenten Benno Ohnesorg ist mittlerweile als ehemaliger IM der Stasi enttarnt), tut ihm dies keinen Abbruch, sondern macht ihn zu einer sehr sehenswerten Studie über die Verknüpfung von Privatem und Politischem, von Lebenswegen und dem Lauf der Geschichte.

Gegen Ende des Films deuten drei leere Stühle in einem Gerichtssaal an, dass das fiktive Zusammentreffen der ehemaligen Weggefährten ein dramaturgisches Konstrukt ist, das in der Realität des Lebens keine Entsprechung hat. Aufgrund von Mahlers Wandlung zu einem radikalen Apologeten des Nationalismus ist eine Annäherung, ein erneutes Kreuzen der Lebenswege schlichtweg unmöglich geworden. Zumal das ehemalige Mitglied der RAF wegen Leugnung des Holocausts im Februar 2009 zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte

Am Anfang dieses Films steht ein Bild. Es zeigt drei Männer, drei Anwälte im Gerichtssaal. Allerdings sind nur zwei von ihnen, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele – in ihrer Rolle als Anwalt auf diesem Bild zu sehen, der dritte, Horst Mahler, steht unter Anklage und wird von seinen beiden freundschaftlich verbundenen Kollegen verteidigt. Mahler, vorher unbestrittener Star unter den Berliner Anwälten, steht wegen der Mitgliedschaft in der Roten Armee Fraktion vor Gericht.
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