Die andere Seite des Mondes

Die andere Seite des Mondes

Eine Filmkritik von Jean Lüdeke

Zum Verlust von Zeit und Raum

„Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“ (Neil Armstrongs erste Worte am 21 Juli 1969 um 2:56:20 Uhr beim Verlassen der „Eagle“, um die ersten Schritte im “Meer der Ruhe“ auf den Erdtrabanten zu setzen).
Philippe (Robert Lepage) ist auch immer mit einem Schritt auf dem Mond, wenigstens in seinen mentalen Traumtänzereien während er als angehender Doktorand und erzwungener Call-Center-Agent aus den Umlaufbahnen seiner eigentlichen Bestimmung, die innovative Geschichte der sowjetischen Raumfahrt neu zu definieren, geworfen wird. Es sind in der Tat zwei sehr ungleiche Brüder im heutigen Quebec. Philipps homosexueller Bruder (ebenso Robert Lepage) arbeitet als erfolgreiche Wetterfee und scheint auf dem Boden der physischen Realität zu stehen. Nach etlichen Jahren eisiger Funkstille müssen die beiden wieder Kontakt zueinander aufnehmen, weil die geliebte Mutter gestorben ist, filmisch in detailtreuen Rückblenden auf die goldenen Fünfziger zu bestaunen.

„Wunderbar erfrischend und sehr amüsant“, staunte der Hollywood Reporter, „Dies ist fantastisches und schlaues Kino, visuell spektakulär und sehr menschlich“, frohlockte LA Weekly in diesem Zusammenhang. Erfrischend ist vor allem die teilweise lakonisch und ironisch gehaltene Kommunikation der ungleichen Brüder. Der eigensinnige Philippe will partout nicht aufgeben, seine zu promovierenden Thesen an den Mann zu bringen, der jüngere André hingegen versäumt keine Gelegenheit an seinem älteren Bruder herumzumeckern. Wie zwei Planeten auf ihrer konträren Umlaufbahn haben sie sich entfernt und sehen sich plötzlich mit ihren verborgenen Eigenschaften konfrontiert. Dabei vermischen sich zusehends bei Philippe die in Erinnerung wütenden Momente vom Damals zum Hier und Heute.

Erde und Mond, zwei sich sehr ferne Planeten nähern sich hier allmählich, und das mit teilweise surrealistischen, cineastischen Kunstgriffen, die den Betrachter zeitweise verwirren können: Das winterliche Québec wandelt sich beispielsweise zur kraterähnlichen Mond-Topographie, die Waschmaschine verändert sich zum Raumschiff, und das embryonale Etwas im Mutterleib spiegelt sich als schwebender Kosmonaut im blauen All wieder. Und gerade diese dezent gestalteten Komponenten machen den eigentlichen Reiz des Filmgeschehens aus, hierbei ist es weniger der epische Plot, als die Ambivalenz der Figuren.

Mit der bisweilen überraschenden Simultanität von Körpern in Zeit und Raum befasste sich Robert Lepage schon 1995 in seinem Thriller Le Confessionnal. Der Außenseiter und gleichsam als Exportschlager Kanadas gepriesene Theatermacher kann auf unzählige Auszeichnungen auf allen Festivals rund um den (realen) Globus zurückblicken; sei es Toronto, Berlin, Namur, Moskau oder Wisconsin. Sein neuester Coup der Zeitsprünge sind farbenfrohe Trips in und um das menschliche Dasein, unterstützt von der grandiosen Filmmusik eines Benoit Jutras, der auch schon seine Professionalität im „Cirque du Soleil“ bewies.

(Jean Lüdeke)

Die andere Seite des Mondes

"Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!" (Neil Armstrongs erste Worte am 21 Juli 1969 um 2:56:20 Uhr beim Verlassen der "Eagle", um die ersten Schritte im “Meer der Ruhe“ auf den Erdtrabanten
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