Dicktatorship (2019)

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Warum haben bis heute in fast allen Nationen die Männer das Sagen? Liegt es an der Kultur, der Geschichte, den Hormonen oder doch nur an der falschen Erziehung? Das Dokumentarfilmerduo Gustav Hofer und Luca Ragazzi reist ein weiteres Mal durch ein krankhaft testosterongesteuertes Land: Italien.

Dicktatorship (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Notorisch Maskulin

„Heißes Blut, geiles Parfüm – Medaillons unter dem T-Shirt. Marlon Brando fragt nach Tango, verkauft dein Sex-Appeal. – Jede Nacht änderst du dein Gesicht, änderst deinen Style, änderst deine Worte. – Latin Lover, Latin LoverIn Eile gerauchte Zigaretten, die Augen starren auf die Dekoltées…“ Diese Zeilen aus Gianna Nanninis frühem Megahit Latin Lover von 1982 sind im Grunde auf unangenehme Weise außerordentlich aktuell geblieben. Denn im Hinblick auf die immer noch omnipräsenten Machogepflogenheiten in Bella Italia hat sich seit den frühen 1980ern nicht wirklich viel verändert, was schlichtweg skandalös und keineswegs genderneutral ist.

Denn egal, ob in der Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Politikbetrieb, beim Blick auf das mehrheitlich sexistisch-chauvinistisch ausgerichtete Medienimperium Silvio Berlusconis oder die krassen Marketingkampagnen italienischer Luxusmodehersteller wie Dolce & Gabbana, in denen männliche Astralkörper wie selbstverständlich eine am Boden liegende Frau begaffen und festhalten dürfen… Was wie im letzten Fall wie der visuelle Aufruf zu einer Massenvergewaltigung aussieht, sich aber im offiziellen PR-Sprech unter dem Deckmantel von „Werbekunst“ und ausgestellter „Virilität“ versteckt, streift im Kern bereits alle thematischen Diskurse rund um Dickatorship, der nicht umsonst das umgangssprachliche „dick“ (englisch derb-vulgär für „Schwanz“) bereits im Titel trägt.

 

Ursprünglich hatten Hofer und Ragazzi, die hier ein weiteres Mal als gleichfalls humorvolles wie selbstironisches Reporterpärchen vor der Kamera agieren, das Angebot bekommen, einen Dokumentarfilm über das so genannte „beste Stück des Mannes“ und den komplizierten Status desselben in Zeiten von Gesundheitswahn, Fitnessstudios, Internetpornografie und Co. zu realisieren, was aber von beiden alsbald aufgegeben wurde. Und so streunen sie in ihrer jederzeit wiedererkennbaren Art auch in Dicktatorship von Neuem munter durch die italienische Kultur- und Bildungsgeschichte, die stets von patriarchalen Paradigmen durchdrungen war, was sich in toto bis in die Gegenwart genauso wie im Hinblick auf die oftmals kruden Auseinandersetzungen im römischen Parlament leider ziemlich nahtlos fortsetzt.

 

Die italienische Journalistin und Politikerin Laura Boldrini musste sich beispielsweise als ehemalige Präsidentin der Abgeordnetenkammer jahrelang frauenfeindlichen Angriffen erwehren. Dass diese offen misogynen Strukturen en gros auf der nach wie vor starken katholischen Prägung des Landes beruhen sowie dem soziokulturell nie vollends aufgearbeiteten Erbe der Mussolini-Diktatur mit all seinem übersteigerten „Machismo“-Gehabe ist ein weiterer Pluspunkt in Dicktatorship, der zwar formal-ästhetisch konventionellen Bahnen folgt, in dem aber inhaltlich wie zeitgeschichtlich auf jeden Fall die richtigen Fragen gestellt werden.

 

Im jederzeit frotzelnd-ehrlichen Blick dieses sehr speziellen Filmemacherduos (Italy – Love it or leave it / What is left?) entpuppt sich Dicktatorship neben allzu erwartbaren O-Tönen von der Straße (z.B. von Jugendlichen, die ihrem männlichen Nachwuchs keine Puppen kaufen würden) oder aus der Psychologie (Stichwort: Männergewalt als kulturelles Phänomen und nicht als Krankheit einzelner) im größeren Maßstab sehr wohl auch als abwechslungsreicher Diskursfilm zu politischen Stilfragen zwischen den Geschlechtern. In Zeiten von Trump-Tweets oder Erdoğan-Selbstinszenierungen ist es mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkels schließlich eine Frau, die „Eier zeigt“, um es in der nicht selten flapsigen Sprache des Films auf den Punkt zu bringen.

 

Und das sind offenkundig nicht „die Eier“ von Pornosuperstar Rocco Siffredi, der als O-Ton-Sidekick ebenso banal wie selbstentlarvend zur Sprache kommt, wenn es darum geht, wie man denn eine Frau „richtig“ anfassen soll. Der Grundton in Gustav Hofers und Luca Ragazzis Dicktatorship bleibt wie schon in ihren filmischen Vorgängern grundsätzlich heiter bis streitsüchtig. Zusammen mit ihrem anarchistischen „Bottum-up“-Humor und einigen bizarren Momenten wie auf dem dummdreisten „Phallus“-Fest in Monteprato, ist dem am heiratenden Regiepaar ein weiterer unterhaltsamer Dokumentarfilm gelungen.

Dicktatorship (2019)

„Einen Penis zu haben, bedeutet, an einen Verrückten gekettet zu sein“, schrieb Sophokles vor mehr als 2500 Jahren. Und er hat bis heute Recht. Mit Donald Trump im Weißen Haus — trotz aller offen frauenfeindlichen und chauvinistischen Ansichten – und vielen weiteren starken Männern, die sich rund um den Globus behaupten, stellen sich Intellektuelle, Feministinnen, Aktivistinnen und viele andere die gleiche Frage: Wie ist das möglich? Als schwules Paar, kurz vor der Ehe, kennen Gustav und Luca einen Ort auf der Welt, der helfen kann, Antworten auf diese Frage zu geben: Italien!

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