Deutsche Seelen - Leben nach der Colonia Dignidad

Deutsche Seelen - Leben nach der Colonia Dignidad

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Beklemmende Anatomie eines totalitären Systems

Die Geschichte der berüchtigten Colonia Dignidad in Chile ist auch mit dem Tod ihres Gründers Paul Schäfer am 24. April diesen Jahres noch lange nicht abgeschlossen. Der Film Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad von Martin Farkas und Matthias Zuber begibt sich bei den bis heute in der Kolonie lebenden Menschen auf Spurensuche nach der Unbegreiflichkeit eines Systems und fördert dabei mit subtilen Bildern und einigen äußerst wirkungsvollen dramaturgischen Kniffen nicht nur die Funktionsweise der Sekte, sondern nahezu aller totalitären Systeme zutage. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen, Recherchen und Interviews ist ein eindringlicher Dokumentarfilm, der berührt und erschüttert und von dem man vieles über die Bestie Mensch lernen kann – manchmal mehr, als einem lieb ist.
1961 war Paul Schäfer, der 1956 die "Private Sociale Mission", ein Erziehungsheim für die Kinder seiner urchristlich orientierten Anhänger, gegründet hatte, vor den sich häufenden Vorwürfen des Kindesmissbrauchs und der schweren Misshandlung die Flucht nach Chile geflohen und hatte einen Teil seiner Gefolgsleute ebenfalls nach Südamerika gelockt. Mit dem Verkaufserlös des Anwesens in Deutschland erwarb er eine heruntergekommene Finca in der Nähe der Parral und formte aus ihr die "Kolonie der Würde", die er im Lauf der Jahre unbehelligt zu einem Unrechtssystem unglaublichen Ausmaßes ausbauen konnte. Die strikte Trennung von Männern, Frauen und Kindern, die vollständige Isolierung nach außen, das Verbot privater Gespräche,16-stündige Arbeitstage, Wachtürme und drakonischen Strafen bei Nichtbeachten der Regeln brachen schnell den Widerstand der Sektenmitglieder. Die immer wieder auftauchenden Berichte über schwerste Misshandlungen und sexuellen Missbrauch der Kinder nahmen weder deren Eltern noch die chilenischen Behörden wahr. Schlimmer noch – seitdem die Militärs unter Augusto Pinochet im Jahre 1973 die Herrschaft in Chile übernommen hatten, bestanden enge Beziehungen zwischen der Colonia Dignidad und dem Regime, das in den Folterkellern der Kolonie Oppositionelle quälen und verschwinden ließ. All diese Verbrechen blieben Jahrzehnte lang ungesühnt, erst mit Schäfers Verhaftung im Jahr 2005 und seiner Verurteilung zu insgesamt 23 Jahren Haft kam etwas Licht in dieses finstere Kapitel, bei dem bis zum heutigen Tag die undurchsichtige Rolle deutscher Politiker und Behörden nicht aufgedeckt werden konnte.

Wie kann man sich einer solch monströsen Institution überhaupt annähern? Martin Farkas und Matthias Zuber haben einen verblüffend nahe liegenden Weg gewählt. Sie suchten die Bewohner der Colonia Dignidad auf, die heute noch auf dem Gelände leben und die versuchen, den Betrieb der Finca nach der Verhaltung und dem Tod ihres Gründers aufrecht zu erhalten. In den Gesprächen, die sie geführt haben, zeichnen Lebenswege nach, die vom Krieg und der Sehnsucht nach Unterwerfung unter eine absolute Autorität erzählen, von Kameradschaft und einer starken Führerpersönlichkeit, die das Vakuum nach Kriegsende ausfüllen soll. Kontrastiert von ruhigen, manchmal beinahe meditativ wirkenden Landschaftsaufnahmen entfaltet sich das Grauen nur ganz langsam und wirkt deshalb umso stärker nach. Das Nebeneinander von scheinbarer Normalität und Menschenfreundlichkeit und die Grausamkeiten der schlimmsten Art, die harmlosen Gesichter von Mittätern, die heute noch wie liebenswerte Opas wirken und die gebrochenen, sichtbar verunsicherten und fürs Leben gezeichneten Opfer – all das versammelt der Film, und bezieht durch Nachfragen deutlich Stellung, ohne allzu aggressiv manchen der Gesprächsteilnehmer zu demaskieren. Dennoch lassen die Aussagen und die Inserts, die zwischendrin die Fakten referieren, nichs an Deutlichkeit zu wünschen übrig.

Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad erzählt nicht nur die individuelle Geschichte eines totalitären Systems, sondern darüber hinaus auch viel über das Funktionieren aller Diktaturen und Zwangsherrschaften. Und die finden sich keineswegs nur in der Vergangenheit oder in weit entfernten Ländern, sondern auch heute noch direkt vor der eigenen Haustür. Vor dem Hintergrund der Vorkommnisse im Kloster Ettal, an der Odenwald-Schule und in etlichen anderen Institutionen, die bereits wieder in Vergessenheit geraten und deren angekündigte lückenlose Aufklärung schon wieder bedrohlich ins Stocken gerät, ist der Film deshalb auch eine wütende Anklage und ein Fanal gegen das Vergessen und Verdrängen, das Schönreden und Relativieren, das wir allerorten anscheinend ohnmächtig mit ansehen müssen. Wenn uns dieser Film etwas lehrt, dann Folgendes: Wir müssen dem Übel auf den Grund gehen – ganz gleich, in welchem Gewand es sich verbirgt und wie freundlich es auf den ersten Blick erscheint. Jedes Schweigen und Verdrängen multipliziert die Leiden der Opfer und trägt den Keim zu neuem Unrecht in sich.

Deutsche Seelen - Leben nach der Colonia Dignidad

Die Geschichte der berüchtigten Colonia Dignidad in Chile ist auch mit dem Tod ihres Gründers Paul Schäfer am 24. April diesen Jahres noch lange nicht abgeschlossen. Der Film "Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad" von Martin Farkas und Matthias Zuber begibt sich bei den bis heute in der Kolonie lebenden Menschen auf Spurensuche nach der Unbegreiflichkeit eines Systems und fördert dabei mit subtilen Bildern und einigen äußerst wirkungsvollen dramaturgischen Kniffen nicht nur die Funktionsweise der Sekte, sondern nahezu aller totalitären Systeme zutage.
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