Der Würger vom Tower (Grossalarm bei Scotland Yard)

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Unter London lauert der Tod

Mitte der 1960er Jahre wollte Produzent Erwin C. Dietrich auch ein Stück von dem lukrativen Kuchen abhaben, an dem sich die Macher hinter der Edgar Wallace-Reihe labten. Natürlich hat Dietrich aus finanziellen Gründen keine Rechte an einer Romanvorlage erworben, sondern lieber selbst ein Drehbuch geschrieben, das den Geist der Wallace-Vorbilder atmen sollte.
In London schrillen bei Inspektor Harvey (Hans Reiser) alle Alarmglocken, als die gut situierte Mary Wilkins (Gisela Lorenz) ermordet wird. Harvey vermutet, dass der berüchtigte Würger wieder zugeschlagen hat, der schon seit einiger Zeit sein Unwesen treibt. Der fehlende Pawati-Smaragd, den die Tote bei sich getragen hatte, bringt den Scotland Yard-Ermittler auf eine erste Spur. Denn der wertvolle Edelstein aus Indien war einmal viel größer und wurde in mehrere kleine Schmuckstücke aufgeteilt. Die übrigen Besitzer, zu denen auch der Juwelier Clifton (Charles Regnier) gehört, befinden sich möglicherweise in großer Gefahr. Während Harvey versucht, weitere Hinweise zu bekommen, wird Mary Wilkins‘ Tochter Jane (Christa Linder) entführt. Bei ihr befindet sich der echte Pawati-Smaragd, denn ihre getötete Mutter war nur mit einer Kopie unterwegs. Harvey lässt mit seinem Assistenten Travers (Peter W. Loosli) nicht locker, um das Verbrechen aufzuklären, hinter dem eine skrupellose Bande zu stecken scheint.

Im Unterschied zu den berühmten Edgar Wallace-Verfilmungen legte Produzent Erwin C. Dietrich gemeinsam mit seinem Regisseur Hans Mehringer keinen Wert auf die verschrobene Gemütlichkeit, die so manches der Vorbilder ausstrahlt. Schrullige Charaktere wie die stets von Eddie Arent verkörperten Butler oder Assistenzpolizisten, die selbst im Angesicht der Gefahr dem Mörder noch die Hand geben, weil das den Höflichkeitsregeln entspricht, sucht man im Würger vom Tower vergeblich.

Stattdessen kann man sich über die direkte Art freuen, mit der Verbrechen und zwielichtige Atmosphäre aufbereitet werden. Gleich zu Beginn wechselt die Kamera während einer Autofahrt durchs nächtliche London immer wieder zwischen der subjektiven Perspektive aus dem Wagen des späteren Mordopfers und von außen aufgenommenen Bildern. Diese Dynamik bereitet die Gewalt vor, mit der Mary Wilkins kurz darauf ins Jenseits befördert wird. Gleichzeitig gibt der Einstieg in den Krimi den Ton vor, der alles Weitere prägt. In Der Würger vom Tower geht es stärker um die Schatten am Rande der Gesellschaft, als um die Aufklärung eines Verbrechens. Konsequenterweise wirken die beiden Polizisten über weite Strecken etwas ratlos, bevor sie der Lösung schließlich näher kommen.

Auch das süffisante Spiel mit den Räumlichkeiten verweist auf ein Schattenreich, das sich unter der Oberfläche der „normalen“ Gesellschaft ausgebreitet hat. Jane Wilkins wird nicht umsonst von merkwürdigen, mit Kutten bekleideten Männern in ein Katakombensystem verschleppt, das sich unterhalb des bekannten Towers erstreckt. Die Maskerade mit Sehschlitzkapuzen nach Ku-Klux-Klan-Art symbolisiert einen dumpfen Fanatismus, der nur im Unsichtbaren ungestört existieren kann. Statt um Rassismus geht es hier aber um Sekteninteressen. Dietrich wirft in seinem Drehbuch solch religiöse Aspekte sowie die Habgier in einen Topf, mit der die Juwelenräuber nach dem großen Geld streben. Feinsinnige Differenzierungen sind seine Sache eben nicht.

Die erwartet man in einem knackigen Krimi mit reißerischem Titel aber auch nicht. Dietrich und Mehringer spielen souverän auf der Klaviatur des Unterhaltungskinos, wobei sie der Dunkelheit der menschlichen Seele einen breiten Raum geben. Nachtszenen, Gewölbeaufnahmen und schummrige Clubs dominieren den Schwarz-Weiß-Film, der nur selten besonders helle Bilder präsentiert. Denn im Abgrund gibt es kein Licht, das man einfach anschalten kann. hier muss man seinen eigenen Weg finden, ohne unterzugehen.

Das Bild der DVD ist überraschend gut, schlägt es doch viele der schon lange veröffentlichten Edgar Wallace-Beiträge ohne Schwierigkeiten. Das Filmkorn ist nur dezent sichtbar, die Schärfe überzeugt bei Konturen und Details. So kommt dank eines knackigen Kontrastes das intensive Spiel mit hellen und dunklen Bildteilen gut zur Geltung.

Der deutsche Monoton hat sich recht gut gehalten. Das vernehmliche Hintergrundrauschen konnte man erwarten. Die Dialoge lassen sich dennoch gut verstehen, die wunderbar jazzige Musik entfaltet ihre Wirkung ohne hörbare Schwächen.

Das Bonusmaterial besteht aus einem Nachdruck des Programmheftes „Illustrierte Film-Bühne“.

Der Würger vom Tower (Grossalarm bei Scotland Yard)

Mitte der 1960er Jahre wollte Produzent Erwin C. Dietrich auch ein Stück von dem lukrativen Kuchen abhaben, an dem sich die Macher hinter der Edgar Wallace-Reihe labten. Natürlich hat Dietrich aus finanziellen Gründen keine Rechte an einer Romanvorlage erworben, sondern lieber selbst ein Drehbuch geschrieben, das den Geist der Wallace-Vorbilder atmen sollte.
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