Der Wind

Der Wind

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein starker Hauch Identität

Der Tod eines Familienmitglieds vermag es bisweilen, an den festgefahrenen Strukturen zu rütteln, geschlossene Perspektiven zu öffnen und die Chance zu einem veränderten Umgang miteinander zu transportieren. Vor allem dann, wenn damit lange gehütete Geheimnisse ans Licht drängen, wie im neuen Film Der Wind / El Viento des argentinischen Regisseurs Eduardo Mignogna.
Ein rauer, unbarmherziger Wind prägt die Atmosphäre des abgelegenen Dorfes an der Südspitze Patagoniens, in dem der greise Frank (Frederico Luppi) mit seiner Tochter Ema ein schlichtes ländliches Leben führt. Als diese stirbt, begibt sich der Alte ins hektische Buenos Aires, um seiner Enkelin Alina (Antonella Costa) persönlich die Nachricht vom Tod ihrer Mutter mitzuteilen. Die junge Frau, die sich gerade in einer Lebenskrise inmitten ihrer Verbindungen zu ihrem Freund Diego (Esteban Meloni) und ihrem verheiratetem Geliebten Miguel (Pablo Cedrón) befindet, nimmt ihren Großvater sowie seine Botschaft äußerlich wenig berührt auf, denn sie ist nicht gewillt, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Doch Frank, dessen Wertvorstellungen mit dem Leben in der Hauptstadt und jenem von Alina kollidieren, ist entschlossen, die Distanz seiner Enkelin zu ihrer eigenen Geschichte zu durchbrechen und bringt damit einen Hauch des derben Windes Patagoniens in ihre städtische Existenz. Immer wieder legt er Briefe für sie aus, die ihre Mutter schrieb, als sie schwanger mit Alina in der Hauptstadt lebte, und so erfährt die junge Frau nach und nach die Umstände ihrer Herkunft und beginnt zögerlich, ihre Sicht auf die Familie und vor allem auch auf Frank zu überdenken. Und sie erkennt, dass die Vergangenheit sich durchaus in ihrer eigenen Situation widerspiegelt.

Der Wind / El Viento kommt als stiller Film daher, der seine Protagonisten eine Weile begleitet und wieder verlässt, ohne sie moralisch zu bewerten oder ihrem Dasein spektakuläre Veränderungen aufzudrängen. Vielmehr zeigt Regisseur Mignogna, der auch das Drehbuch verfasste, in starken, ruhigen Bildern, wie sich Verstrickungen von Identität, Liebe und Schuld relativieren können und dabei weder eine Katastrophe, noch eine strahlende Lösung allen Übels hervorbringen. Und diese dramatisch leise Uneindeutigkeit ist es, die den Zuschauer mit zeitweise geradezu nüchterner Intensität berührt und auch nach dem Verlassen des Kinos nicht gänzlich weicht.

Neben seiner Tätigkeit als Regisseur mit Filmen wie Sol de otoño (1996), La fuga (2001) und Cleopatra (2003), die mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt wurden, ist Eduardo Mignogna als Drehbuchautor unter anderem auch für das argentinische Fernsehen tätig, wo er sich mit Dokumentationen beispielsweise über verschwundene Menschen in seiner Heimat und Altpapiersammler in den Zeiten der Wirtschaftskrise einen respektablen Namen für gesellschaftspolitisches Bewusstsein erworben hat. Doch auch als Literat ist der mittlerweile 66jährige Filmemacher überaus erfolgreich, und seine Romane – zuletzt veröffentlichte er 2002 La Señal – wurden mehrfach prämiert.

Bei einem Mann mit derartig vielen Projekten unterschiedlicher Art und großer Anerkennung ist es um so bedeutsamer, wenn er zu einem seiner Werke bemerkt, dass er bereits sein ganzes Leben lang daran gearbeitet habe und mit dem Ergebnis ohne große Veränderungen auf Anhieb froh wie nie zuvor gewesen sei. Der Wind / El Viento stellt für Mignogna selbst einen ganz besonderen Film dar, dessen Akteure genau das darzustellen vermögen, was er sich erträumt hatte, und er beschreibt die Dreharbeiten als den Höhepunkt seines filmischen Schaffens: „Auch wenn ich schon immer beim Filmen glücklich war, so habe ich mit Der Wind das Glück in Händen gehalten.“

Bei uns wird der Film im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen sein, was ihm sicherlich eine unmittelbare Wahrhaftigkeit verleiht und hoffentlich nicht zu viele potentielle Zuschauer abschrecken wird, denn diese kleine Geschichte über die großen Fragen des Lebens ist ein absolut sehenswerter Geheimtipp für alle, die auch einmal gern recht nachdenklich das Kino verlassen.

Der Wind

Der Tod eines Familienmitglieds vermag es bisweilen, an den festgefahrenen Strukturen zu rütteln, geschlossene Perspektiven zu öffnen und die Chance zu einem veränderten Umgang miteinander zu transportieren.
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Meinungen
Klaus Hympendahl · 26.12.2006

In seiner Reduktion liegt seine Kraft. Man sieht wieder mal wie wichtig ein gutes drehbuch ist.

Kommentare

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