Der Verlorene

Der Verlorene

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein Moloch moralischer Modalitäten

Das Gesicht dieses Schauspielers gehört zweifellos zu den prägnantesten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Peter Lorre (1904-1964), zuvorderst für seine gespenstische Darstellung des Kindermörders in M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) von Fritz Lang berühmt. Doch der kleine Mann mit dem ausdrucksvollen Antlitz hat auch in weiteren legendären Werken wie Casablanca (1942) von Michael Curtiz und Arsen und Spitzenhäubchen / Arsenic and Old Lace (1944) von Frank Capra sowie darüber hinaus in weit über hundert Filmen mitgespielt. Der Verlorene aus dem Jahre 1951 stellt seine einzige Arbeit als Regisseur dar, bei welcher er auch am Drehbuch mitwirkte und gleichzeitig die Hauptrolle als alternder Arzt mit einer tragischen Lebensgeschichte übernahm.
Dieser Doktor (Peter Lorre), der im Deutschland der Nachkriegszeit in einem Lager für so genannte Displaced Persons die Sanitätsbaracke leitet, nur allzu gern jede Gelegenheit zu einem kräftigen Drink nutzt und starker Raucher ist, wirkt wie ein Mensch, der zwar sorgfältig seiner Arbeit nachgeht, aber darüber hinaus längst mit seinem Leben abgeschlossen hat. Einem sanften Zyniker gleich registriert er wachsam die Beschaffenheiten seiner tristen sozialen Umgebung und widmet sich seinen Aufgaben, ohne sich letztlich noch von irgendetwas berühren zu lassen. Wenn er in der diesigen Dämmerung an den Bahngleisen entlangspaziert, umweht ihn ein Hauch der resignativen Gleichgültigkeit, die keinen Raum mehr für Erschütterungen zulässt – scheinbar.

Als ihm der mit einer Lieferung an Sanitätsbedarf eingetroffene Nowak (Karl John) zur Unterstützung an die Seite gestellt wird, protestiert der Doktor zwar milde, fügt sich dann aber in die neuen Gegebenheiten wie in sein übriges Schicksal und nimmt sich in seiner ruhigen, spöttischen Art des neuen Kollegen an. Erst allmählich stellt sich heraus, dass sich die Männer bereits zuvor begegnet sind und nunmehr beide unter einer anderen Identität leben. Erscheint dieser Umstand auch zunächst eher harmlos, entwickelt sich doch bald ein schwelendes Psychodrama der belasteten Erinnerungen, denn Nowak kennt den Doktor noch aus der NS-Zeit, als dessen Verlobte Inge Hermann (Renate Mannhardt) seine Forschungen ausspionierte und ausgerechnet mit ihm ein Verhältnis hatte ...

Die dumpfen Schatten der Vergangenheit, die zögerlich herankriechen, die unterschiedlichen Charaktere der beiden Hauptakteure sowie die ausführlichen Betrachtungen über Angst, Schuld und Sühne erschaffen eine dichte Spannung, innerhalb welcher sich in Rückblicken eine zutiefst hintergründige Geschichte offenbart, die zu Beginn des Films als tatsächlich geschehen ausgewiesen wird. Mit dieser Einführung unterstreicht Regisseur Peter Lorre sein mitunter durchaus provokatives Anliegen, das damals junge Nachkriegsdeutschland zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit seiner jüngsten Vergangenheit herauszufordern – vergeblich, denn Der Verlorene fand seinerzeit kaum Publikum und wurde nach nur wenigen Tagen Spielzeit schlicht aus dem Programm genommen.

Die privaten wie politischen Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus, die hier eine signifikante Verflechtung erfahren, verdichten sich um die tragische Figur eines Arztes, der durch die eigene Schuld traumatisiert und dadurch erneut zum Täter wird. Dieser Außenseiter, der im Gegensatz zu seinem stumpf-berechnenden Widersacher bei aller Resignation noch Fragmente einer humanistischen Haltung zeigt, holt so gemächlich wie konsequent zum letzten Aufbäumen in seinem erbärmlichen Leben aus. 1951 von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat „Wertvoll“ ausgezeichnet – als erster Film der im selben Jahr gegründeten, heutigen Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) überhaupt – stellt Der Verlorene ein lange weithin unterschätztes, ganz hervorragendes Drama von schwerlastiger Ambivalenz dar, in dem ein Moloch an moralischen Modalitäten mitschwingt.

Der Verlorene

Das Gesicht dieses Schauspielers gehört zweifellos zu den prägnantesten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Peter Lorre (1904-1964), zuvorderst für seine gespenstische Darstellung des Kindermörders in "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) von Fritz Lang berühmt.
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