Der Traum ist aus oder Die Erben der Scherben

Der Traum ist aus oder Die Erben der Scherben

The times, they are a’changin’

Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben gelten als Inbegriff der bundesrepublikanischen Protestkultur der frühen siebziger Jahre. „Keine Macht für niemand“, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und eben das Titel gebende Stück „Der Traum ist aus“ waren Hymen, die sich gegen das satte, kleinbürgerlich-selbstzufriedene Lebensgefühl der Jahre zwischen ‚68 und der von Helmut Kohl eingeleiteten geistig-moralischen Wende wandten. Und auch später, in den Zeiten der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, gehörten die Scherben zum kulturellen Erbe der politischen Linken, die später den Marsch durch die Institutionen antreten sollten und heute entweder an den Schalthebeln der Macht sitzen oder gescheitert sind. Die Band freilich hatte sich nach langen Jahren in der Kreuzberger Szene frustriert und desillusioniert ins nordfriesische Fresenhagen zurückgezogen, in eine Art inneres Exil, frustriert vom täglichen Kampf und den eigenen Misserfolgen. Die sollten sich erst später einstellen, als Rio Reiser davon träumte, wie es wäre „König von Deutschland“ zu sein. 1996 schließlich dann der viel zu frühe Tod Reisers. Das wäre in Kürze die Bandgeschichte der Scherben, wie man sie in eine Dokumentation packen könnte, doch Der Traum ist aus oder Die Erben der Scherben aus dem Jahr 2001 von Christoph Schuch will genau das nicht sein – die Dokumentation einer Band. Stattdessen fragt er, was die Nachwirkungen der Polit-Rocker sind und auf welche Weise Bands und Interpreten heute überhaupt noch politisch sein können.

Das Ergebnis, zu dem er kommt, ist niederschmetternd, aber ehrlich gesagt kaum überraschend und lässt vermuten, dass bereits die Frage falsch oder zumindest irreführend gestellt ist. Sie sollte eher lauten: Kann man heute überhaupt noch politisch sein? Haben sich nicht vielleicht doch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so sehr geändert, dass die Strategien des Politischen heute anders daherkommen als in den Siebzigern? Ist heute ein Aufbegehren überhaupt noch möglich in einer Gesellschaft, in der alles zur Pose wird, zum vermarktbaren Produkt, zur reinen Attitüde? Oder anders gefragt: Was wäre die Wirkung der Scherben heute?

Doch das spürbare Verflachen der Protestkultur, in der jede Form des Engagements zum Business wird, bereitet Unbehagen und erzeugt Verlegenheiten, denn eigentlich will man ja ganz anders, klar… Und so winden sich die befragten Bands wie Die Sterne, Das Department, Britta, Tocotronic oder Element of Crime zu Christoph Schuchs Fragen, verfallen in Rechtfertigungen und verbreiten eine freischwebende Melancholie und Resignation. Und genau das ist – neben der stark simplifizierenden Herangehensweise Schuchs – ein weiteres Ärgernis in diesem eigentlich interessanten Film – das permanent schlechte Gewissen der Zu-spät-Geborenen, den Rechtfertigungsdruck, warum man in dieser Zeit kaum mehr politisch sein kann, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie dies früher der Fall war. Die Zeiten haben sich geändert. Und mit ihnen auch die Rockmusik und deren Verhältnis zu Politik und Gesellschaft. An dieser Erkenntnis führt leider kein Weg vorbei. Die Diskussion über die Möglichkeiten und Strategien des Politischseins heute sollte und muss dringend weitergeführt werden. Aber bitte nicht mit den Rezepten von Gestern…

Der Traum ist aus oder Die Erben der Scherben

Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben gelten als Inbegriff der bundesrepublikanischen Protestkultur der frühen siebziger Jahre.

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Meinungen
speedy · 10.11.2005

Der Film hat mich echt beeindruckt... Schwer zu sagen, einfach gucken. Geiler Film

Kommentare