Der Tod eines Bürokraten

Der Tod eines Bürokraten

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Kafkaeskes aus Kuba

Die Bürokratie und der Mensch – das ist ein selten erquickliches Verhältnis, dessen oftmals bedrückende Beschaffenheit bereits manchen großen Stoff inspiriert hat, allen voran Werke von Franz Kafka, des Meisters der ohnmächtigen Absurdität. Der Tod eines Bürokraten / La muerte de un burócrata von Tomás Gutiérrez Alea aus dem Jahre 1966 ist eine kubanische Satire zu diesem Thema, die mit erfrischender, äußerst komischer Trockenheit und mitunter geradezu kunstvollen schwarzweißen Bildern die Geschichte eines Mannes erzählt, den die Verzweiflung über die unwegsamen Pfade einer starren Amtsmaschinerie immer stärker in die Enge treiben, bis er schließlich durchdreht.
Nach dem Tod des Bildhauers Paco, der mit offziellen Ehren als proletarischer Held mit seinem Arbeitsbuch in der Hand beigesetzt wird, kümmert sich sein Neffe (Salvador Wood) um die Witwe (Silvia Planas) und unterstützt seine Tante auch dabei, ihren Rentenantrag zu stellen. Als die beiden bei der zuständigen Behörde vorsprechen, stellt sich rasch heraus, dass ohne das Arbeitsbuch des Verstorbenen der Antrag nicht aufgenommen wird. Seine engagierten Erklärungen und Bitten um eine andere Lösung beeindrucken die Beamten wenig, so dass sich der Neffe notgedrungen dazu entschließt, das begrabene Dokument eben wieder ans Tageslicht zu befördern.

Die nächtliche Aktion, die mit Hilfe einiger Kumpane tatsächlich gelingt, bringt den jungen Mann und seine Tante allerdings in noch größere Schwierigkeiten, denn so einfach wie geplant lässt sich der Sarg nicht zurück unter die Erde befördern, so dass der Neffe seinen toten Onkel kurzerhand wieder nach Hause bringt und erst einmal im Garten parkt, sehr zum Entsetzen seiner Tante. Obwohl sie nun das Arbeitsbuch vorlegen können, gestaltet sich die prekäre Situation zunehmend verwickelter und und hoffnungsloser für den Neffen und seine Tante, zumal der neugierigen Nachbarschaft das Auftauchen des Sargs nicht verborgen geblieben ist, und die Begegnungen mit der Bürokratie ufern zu wahren psychischen Horrorszenarien aus.

Innerhalb der Filmlandschaft Kubas ist der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Tomás Gutiérrez Alea (La última cena / Das letzte Abendmahl (1976), Fresa y chocolate / Erdbeer und Schokolade (1993)), der 1996 verstarb, noch immer ein klingender Name, dessen gesamtes Werk über dreißig Dokumentar- und Spielfilme umfasst. Der Filmemacher, der eigentlich Jurist war, machte seine Regieausbildung am berühmten Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom, wo er unter anderem von Filmgrößen wie dem Regisseur Cesare Zavattini (Ladri di Biciclette / Fahrraddiebe (1948)) unterrichtet wurde. Zurück in seiner Heimat engagierte sich der nachhaltig vom italienischen Neorealismus beeinflusste Gutiérrez Alea auch politisch sehr stark für den neuen kubanischen Film und gegen die Diktatur Fulgencio Batistas. Nach der Revolution gehörte der Regisseur 1959 zu den Gründern des ICAIC, des Kubanischen Instituts für Filmkunst und Filmindustrie, das auch Der Tod eines Bürokraten produziert hat, der auch heute noch nichts von seinem trockenen Witz und seiner nach wie vor beinahe tragischen Aktualität eingebüßt hat.

Der Tod eines Bürokraten

Die Bürokratie und der Mensch – das ist ein selten erquickliches Verhältnis, dessen oftmals bedrückende Beschaffenheit bereits manchen großen Stoff inspiriert hat.
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