Der Tintenfisch und der Wal

Der Tintenfisch und der Wal

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine ganz normale Familie

Irgendwann durchzuckt einen jeden – nun gut, FAST jeden – die bittere Erkenntnis, das nahezu jede Familie auf ihre Weise verkorkst ist und dringend einer psychologischen Intervention ab Familienaufstellung aufwärts bedarf. Das ist auch in Noah Baumbachs Film Der Tintenfisch und der Wal / The Squid and the Whale kaum anders, selbst wenn die Protagonisten hier aus der gehoben-intellektuellen Schicht zuzurechnen sind. Aber spätestens seit Woody Allen weiß man als Zuschauer sowieso, dass die wahren neurotischen Abgründe in diesem Milieu sowieso besser gedeihen als anderswo. Hier allerdings liegen die Dinge etwas anders, die Familienidylle liegt bereits in Trümmern und jede Hoffnung auf eine Besserung oder Einigung ist längst verschwunden.
New York im Jahr 1986: Bernard (Jeff Daniels) ist ein ehemals erfolgreicher Schriftsteller, der sich mittlerweile als College-Professor verdingt und verzweifelt versucht, eine zweiten großen Wurf zu landen. Was ihn besonders frustriert, ist seine Frau Joan (Laura Linney), die quasi nebenbei eine Kurzgeschichte im renommierten New Yorker publiziert hat und als einer der neuen Stars am Literaturhimmel des Big Apple angesehen wird. Emanzipation hin oder her: Für Bernard ist dieser Erfolg seiner Gemahlin lediglich ein weitere Niederlage, die er nicht hinnehmen will. Die eigentlichen Leidtragenden des Ehekrieges sind wie so oft die beiden Kinder des Paares, die von ihren Eltern als moralische Geiseln und Waffe gegen den jeweils anderen eingesetzt und instrumentalisiert werden: Da ist zum einen der 16-jährige Walt (Jesse Eisenstein), der seinen Vater vergöttert und sich prompt unsterblich – der Junge ist mitten in der Pubertät – in eine der Studentinnen seines Vaters und Vorbildes verliebt. Der vier Jahre jüngere Frank (Owen Kline) hingegen hält lieber zu seiner Mutter und greift schon mal zur Flasche, um seinen Kummer zu ertränken. Aber auch die beiden Erwachsenen kommen mit der Situation nicht zurecht: Während Joan ihr Heil in Affären mit Männern sucht, die ihrem (Ex-)Mann möglichst unähnlich sind, probiert Bernard seine Verführungskünste anrührend ungeschickt an einer seiner Studentinnen aus, während sich die Fronten zwischen den beiden Parteien weiter verhärten…

Der Tintenfisch und der Wal /The Squid and the Whale ist eine ebenso berührende wie komische Geschichte, wie sie wohl mittlerweile zum ganz „normalen“ Alltag gehört, nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande: Eine Familie - unlängst von der Politik wieder als Objekt gesellschaftspolitischer Begierde entdeckt - zerbricht. Selten allerdings ist es einem Film über dieses Thema so brillant gelungen, die ganze Komik und Tragik dieser Situation auf so eindrucksvolle und unspektakuläre Weise zu inszenieren. Noah Baumbach, der mit diesem Film, wie er bekennt, seine eigene Kindheitsgeschichte verarbeitet, wirft mit Der Tintenfisch und der Wal / The Squid and the Whale einen erfrischend anderen Blick auf die kleine persönliche Tragödie des Scheiterns einer Familie und einer Liebe und vereint Lachen und Weinen, Entsetzen und Vergnügen zu einem Werk, das die ganze Absurdität des Vorgangs in allen Facetten meisterhaft ausleuchtet.

Der Tintenfisch und der Wal

Irgendwann durchzuckt einen jeden – nun gut, FAST jeden – die bittere Erkenntnis, das nahezu jede Familie auf ihre Weise verkorkst ist und dringend einer psychologischen Intervention ab Familienaufstellung aufwärts bedarf.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.