Der Tiger von Eschnapur

Der Tiger von Eschnapur

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Montag, 1. Juni 2015, ARTE, 20:15 Uhr

In jenen fernen Zeiten, als das Fernsehprogramm noch strukturgebend für das Familienleben, damit auch von nicht geringer gesellschaftlicher Gruppenrelevanz war und es noch echte „Straßenfeger“ gab, lockten auch im TV ausgestrahlte Kinoproduktionen wie Der Tiger von Eschnapur ein Millionenpublikum vor die Bildschirme. Wer bei der Erstausstrahlung dieses abenteuerlichen Dramas von Fritz Lang aus dem Jahre 1958 am 25. Dezember 1970 oder bei einer der anschließenden, häufigen Widerholungen ausreichend fernsehfähig war, erinnert zumindest Fragmente dieses Klassikers, ob mit nostalgischem Wohlwollen oder mit nachhaltigem Schrecken. Denn sowohl sentimentale Momente heimlich Liebender aus unterschiedlichen Kulturkreisen als auch Horrrorszenarien von so genannten Aussätzigen, die im Untergrund eines prächtigen Palastes eingesperrt sind, haben sich prägend in den frühen Filmerlebnissen unseres Bewusstseins eingenistet.
Auf Einladung des dortigen Maharadschas Chandra (Walther Reyer) reist der deutsche Ingenieur Harald Berger (Paul Hubschmid) nach Indien, um bestimmte Bauvorhaben für den durchaus auch westlich orientierten Herrscher zu planen. Unterwegs begegnet er der schönen Tänzerin Seetha (Debra Paget), rettet sie vor einem Tiger und avanciert zum Helden ihres Herzens. Doch Seetha ist wie Berger auf dem Weg zum Fürsten Chandra, der sie nach dem frühen Tod der Maharani zu heiraten beabsichtigt. Während sich Chandra und Berger annähern und im Zuge der Bau-Projekte auch dessen Schwester Irene (Sabine Bethmann) und ihr Architekten-Gatte Walter Rhode (Claus Holm) am Ort eintreffen, entflammt zwischen dem Ingenieur und der frommen Tempeltänzerin eine heftige Liebeskeimung, die sich unheilvoll auf die weiteren Entwicklungen auswirkt und vor allem den auch durch politische Unruhen bedrohten Maharadscha erzürnt ...

Faszinierende Filme aus Kindheitstagen mit der Distanz der Jahre erneut zu sichten, birgt unweigerlich eine Herausforderung ganz persönlicher Art, die nicht selten eine Entmystifizierung mit sich bringt. Betrachtet man im heutigen Zeitalter später, kritischer Dekolonisation beispielsweise das Indienbild eines Films wie Der Tiger von Eschnapur, der bereits damals recht rüde Rezensionen für den gefeierten Regisseur Fritz Lang (Metropolis, 1927, M – Eine Stadt sucht einen Mörder, 1931, Gardenia – Eine Frau will vergessen / The Blue Gardenia, 1953) erhielt, ist erheitertes Staunen ob der profanen Stereotypen wahrscheinlich die verträglichste Reaktion auf ein Wiedersehen, das auf diese Weise nicht unerquicklich sein muss, sondern bestenfalls sogar reichhaltige Reflexionen provoziert. Die Fortsetzung der Geschichte Das indische Grabmal im Anschlussprogramm bietet erneut die Chance, die Nachhaltigkeit derartiger Wirkmechanismen wohlig zu demaskieren.

Der Tiger von Eschnapur

In jenen fernen Zeiten, als das Fernsehprogramm noch strukturgebend für das Familienleben, damit auch von nicht geringer gesellschaftlicher Gruppenrelevanz war und es noch echte "Straßenfeger" gab, lockten auch im TV ausgestrahlte Kinoproduktionen wie "Der Tiger von Eschnapur" ein Millionenpublikum vor die Bildschirme.
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