Der Stein zum Leben (2018)

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Was bleibt von einem, wenn alles zu Ende ist? Wie lässt sich die Persona eines Menschen in einem einzigen Grabstein einfangen? Der Berliner Steinmetz und Grabsteinkünstler Michael Spengler hat sich sowohl handwerklich wie künstlerisch auf diese Urfragen des Lebens und des Todes spezialisiert.

Der Stein zum Leben (2018)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Was bleibt

Was macht die „Essenz eines Menschen“ aus? Und wie lässt sich mithilfe von Steinen, Farben, Schriften, Ornamenten oder zusätzlichen Materialien ein möglichst treffendes Portrait eines Verstorbenen „zeichnen“? Michael Spengler liebt es, genau zuzuhören. Ebenso behutsam wie empathisch versucht der Berliner Steinmetz und Grabsteinkünstler in jedem seiner Kundengespräche, die keinen strengen Trauertherapiesitzungen gleichen, sondern hingegen voller Empathie geführt werden, der Persona jedes Toten möglichst nahe zu kommen. Ecken und Kanten sind dabei – nicht nur in der Stein- oder Materialauswahl – absolut erwünscht.

Er wolle dem Verstorben, egal ob Kind oder Senior, zusammen mit den Hinterbliebenen in erster Linie in all seiner Vielfältigkeit wie „Widersprüchlichkeit“ sowohl handwerklich wie künstlerisch einen letzten wertvollen Dienst erweisen. Die Berliner Dokumentaristin und „filmARche“-Absolventin Katinka Zeuner vertraut in Der Stein zum Leben ihrem überaus starken Protagnisten mit Schiebermütze und angenehmen Timbre in der Stimme von Beginn an. Sie schenkt ihm wie den teilweise völlig unterschiedlichen Trauernden, die sie über mehrere Monate selbst mit der Kamera begleitet hat, in ihrem herausragenden Dokumentarfilm erfreulicherweise genügend Zeit und Raum.

Alles ist hier dramaturgisch streng-konzentriert und von Beginn an auf ästhetische Verdichtung aus. In Katinka Zeuners jederzeit unvoyeuristischem Kamerastil transportiert sich in diesem wunderbar tempogedrosselten Dokumentarfilm sehr rasch ein schwer fassbares Gefühl von Transzendenz, das dieser obendrein wunderbar montierten Filmperle in den besten Miniaturszenen eine geradezu magische Komponente verleiht.

Zusammen mit einer Reihe herrlich offener Fragen, die der 55-jährige Michael Spengler seinen Auftraggebern bereits regelmäßig im Rahmen erster Begegnungen stellt („Wie lässt sich Atem darstellen?“), gelingt es ihm erstaunlich schnell, nicht nur in seinem eigenen Kopf ein imaginäres Bild des Toten kreieren, sondern ebenso rasch die speziellen Lebensumstände des Einzelnen oder die nicht immer einfachen Familienkonstellationen im Hintergrund zu eruieren, was ihm später bei der Ausarbeitung jenes langfristig entworfenen „Grabzeichens“ eminent hilft.

Philosophisch grundierte Ideen, der Glaube eines Menschen oder seine politischen wie sozialen Grundhaltungen spielen hierbei eine explizite Rolle: „Für die Gestaltung eines Grabmals kann es wichtig sein, wie derjenige über Transzendenz dachte. Ob für ihn das Leben durch den Tod vorbei ist, oder ob es etwas gibt, das durch den Tod nicht zerstört werden kann“, sagt Michael Spengler über seine außergewöhnliche Herangehensweise als Steinmetz wie Grabsteinskulpteur, die er bewusst „Grabzeichen“ nennt: Posthum sollen diese Wegmarken für den Toten schließlich leuchten! Und ihn auf dem Weg in etwas gänzlich Neues nachhaltig begleiten, so lautet der spannende Ansatz seiner solitären Handwerkskunst.

Katinka Zeuners Der Stein zum Leben, der 2018 auf dem DOK Leipzig sowie beim Achtung Berlin Festival Furore machte, ist ein ausgesprochen sensibler und nachdenklich stimmender Dokumentarfilm über das Menschsein, berührende Abschiede und facettenreiche Neuanfänge inklusive. Angenehm zurückhaltend und mit präsenten Protagonisten in Szene gesetzt und filmisch selbst jederzeit zwischen den Sphären des Lebens und des Todes mäandernd, ist Katinka Zeuner in toto ein überaus gelungener Beitrag zu den Urfragen der menschlichen Existenz gelungen, der lange nachhallt und gerade durch seine präzise Verdichtungsform auch in ästhetischer Hinsicht vollkommen überzeugt.

Zugleich lässt sich Der Stein zum Leben als zeitgemäße Form von Trauerarbeit interpretieren, da die Berliner Filmemacherin vor sechs Jahren selbst einmal zum unscheinbaren Zirkuswagen Michael Spenglers an der „Gedenkstätte Berliner Mauer“ in der Nähe der Bernauer Straße aufgebrochen war. Zur selben Zeit hatte sie gerade ihre eigene Mutter verloren. Alsbald suchte sie nach einem künstlerischen Umgang mit jenem einschneidenden Erlebnis in ihrem Leben. Mit diesem außerordentlich sensitiven Dokumentarfilm hat sie nun ein Stück weit Frieden mit dem Tod geschlossen, wie sie es selbst in Leipzig erklärt hat – und gleichzeitig das Tor zum (Weiter-)Leben weit aufgestoßen.

Der Stein zum Leben (2018)

Ein Zirkuswagen und ein Frachtcontainer dienen dem Steinmetz Michael Spengler als Werkstatt. Hier empfängt er Menschen in Trauer. Gemeinsam gestalten sie Grabsteine, die von den Toten erzählen.

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