Der Schaum der Tage

Der Schaum der Tage

Eine Filmkritik von Peter Osteried

Michel Gondry und wie er die Welt sah

Nur in Frankreich konnte man Michel Gondrys neuen Film Der Schaum der Tage in voller Länge sehen. Für die internationale Auswertung wurde eine neue Fassung erstellt, der an die 30 Minuten fehlen. Geblieben ist eine Rumpffassung, die in sich stimmig erscheint, aber auch nicht verhehlen kann, dass Gondrys neuestes Werk nur schwer zugänglich ist. Seine Liebesgeschichte vom Vergehen der Schönheit ist Stil über Substanz, ein Wunderland, das Staunen macht, aber nicht berührt.
Colin (Romain Duris) lernt die schöne Chloe (Audrey Tautou) kennen. Beide gehen miteinander aus und es dauert nicht lange, bis er sie fragt, ob sie ihn heiraten will. Sie will und so läuten bald die Hochzeitsglocken (nachdem man ein vom Priester ausgerufenes Wettrennen gegen ein anderes Pärchen gewonnen hat), doch am Horizont tauchen dunkle Wolken auf. In Chloes Lunge wächst eine Seerose. Die Behandlung ist teuer und führt den einstigen Lebemann Colin, der noch nie auch nur einen Tag gearbeitet hat, an seine finanziellen Grenzen.

Man könnte Der Schaum der Tage als Michel Gondrys Love Story bezeichnen, nur dass es weit mehr visuelle Sperenzchen als bei der Kitschgeschichte aus den 1970er Jahren gibt. Gondrys Film ist in einer ungreifbaren Wirklichkeit angesiedelt, einer Zeit, die nicht bestimmbar ist, einer Welt, in der Mäuse in Menschengestalt und herumlaufende Klingeln normal sind. Das alles macht den Film zum visuellen Augenschmaus. Man ist immer wieder erstaunt, was für einzigartige Bilder Michel Gondry erschaffen kann. Das hat er schon oft bewiesen, so auch bei The Science of Sleep, einer anderen Romanze aus dem Gondryschen Filmuniversum, der im Unterschied zu seinem neuesten Werk jedoch auch das Herz anspricht. Bei Der Schaum der Tage ist es nie möglich, eine Beziehung zu Colin und Chloe aufzubauen.

Unter der visuellen Pracht und der nur behaupteten Emotion schlummert tatsächlich aber auch noch mehr. Wenn auch nur in wenigen Momenten, so gelingt es Gondry doch, den Kern von Boris Vians Roman zu übertragen. In den besten Momenten ist der Film ein bissiger Kommentar auf eine Gesellschaft, in der Arbeit alles ist, aber die persönliche Entfaltung verloren geht. Colin ist hier das Alter Ego von Vian – oder besser: dessen Wunschversion seiner Selbst. Unabhängig vom Zwang des Alltäglichen, ohne Geldsorgen, frei das zu tun, was ihm beliebt. Gondry gelingt es dabei sehr gut, die Oppression des Systems zu zeigen, in dem Kranksein den Tod bedeuten kann, wenn man es sich nicht leisten kann, gesund zu werden.

Michel Gondry erzählte mal, dass er die Menschen nicht altern sieht. Er nimmt es nicht wahr, wie sie immer älter werden, aber er sieht in ihren Häusern Fotos, die sie jünger zeigen. Für ihn ist es in der Beziehung so, als würde die Zeit rückwärts laufen. Eine ungewöhnliche Sicht der Dinge, die sich auch in Der Schaum der Tage widerspiegelt. Wenn nichts anderes, dann bietet der Film Einblick darin, wie Gondry die Welt um sich herum sieht. Dieser Besuch in Gondrys Niemalsland ist faszinierend, aber am Ende ist man doch froh, wieder in der eigenen Realität anzukommen. Aber vielleicht war ja das genau seine Absicht.

Der Schaum der Tage

Nur in Frankreich konnte man Michel Gondrys neuen Film "Der Schaum der Tage" in voller Länge sehen. Für die internationale Auswertung wurde eine neue Fassung erstellt, der an die 30 Minuten fehlen. Geblieben ist eine Rumpffassung, die in sich stimmig erscheint, aber auch nicht verhehlen kann, dass Gondrys neuestes Werk nur schwer zugänglich ist. Seine Liebesgeschichte vom Vergehen der Schönheit ist Stil über Substanz, ein Wunderland, das Staunen macht, aber nicht berührt.
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