Der Name der Leute

Der Name der Leute

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Mit den Waffen einer Frau

Die besten Komödien kommen derzeit wohl aus Frankreich. Nach dem Kassenhit Willkommen bei den Sch’tis aus dem Jahr 2008 dürfte nun erneut ein Brüller die deutschen Kinos erobern, der in Frankreich schon ein großer Erfolg ist. Der Name der Leute strotzt – ähnlich wie der Kulturschocker aus dem französischen Norden – nur so von politischen Unkorrektheiten. Und unterfüttert gerade dadurch die turbulente Oberfläche mit einem ernsten Anliegen: der Sehnsucht, kein Fremder zu sein, nirgends.
Regisseur Michel Leclerc und seine Co-Autorin Baya Kasmi reichern das Aufeinanderprallen der Kulturen mit einem ganzen Strauß von weiteren Themen an. Es geht nicht nur um Franzosen und Algerier, Juden und Araber, sondern auch um Hippies und Spießer, Technikfreaks und Atomkraft-Allergiker, Auschwitz-Opfer und koloniale Kriegsverbrecher. Die werden auf der optischen Ebene genauso durcheinandergewirbelt wie auf der inhaltlichen. Sogar die Filmformate sind ein bunter Mix, mal Farbe, mal Schwarz-Weiß, mal grobkörniges Super-8-Material, mal digitales HD. Aber genau darin besteht der Reiz: in dieser atemberaubenden Tour de Force durch die Turbulenzen von Kulturen, Familien und vor allem von Mann und Frau. Denn am Ende entpuppt sich Der Name der Leute als eine der schönsten, weil sperrigsten Liebesgeschichten der letzten Monate.

Der vom Leben schon etwas verknautschte Arthur (Jacques Gamblin) und die strahlend-junge Bahia (Sara Forestier) könnten unterschiedlicher kaum sein. Er ein ängstlicher Pedant, sie ein überschäumender Wildfang. Aber anders als in ähnlichen Komödienkonstellationen ist die weibliche Figur hier nicht nur frech oder unkonventionell, sondern unberechenbar und ausgeflippt bis zum Exzess. Und das auf scheinbar völlig natürliche und unkomplizierte Weise. Sara ist nämlich eine politische Linksaktivistin, die die Waffen einer Frau recht hemmungslos einsetzt – Feminismus hin, Männerfantasien her. Sie schläft mit politischen Gegnern, um ihnen beim Sex hypnotische Bekehrungen ins Ohr zu flüstern, etwa dass nicht alle Ausländer kriminell sind. Angeblich eine ziemlich Erfolg versprechende Methode, wie das umfangreiche Tagebuch mit Bildern ihrer "Opfer" beweist.

Nur bei Arthur versagt die Methode. Den zwanghaft vorsichtigen Mittvierziger würde man aufgrund seines ganzen Habitus für einen Konservativen halten. Im Grunde seines Herzens ist er aber der letzte und einzige "Jospinist", ein Anhänger von Lionel Jospin. Und der war schließlich mal Parteichef der Sozialisten. Trotz aller Unterschiede haben Arthur und die 20 Jahre jüngere Aktivistin also etwas gemeinsam, was die Routine-"Missionierung" durch Bahia überflüssig macht. Aber damit fangen die Schwierigkeiten erst an. Nicht nur, dass Bahia weiterhin mit anderen Männern ins Bett geht. Die beiden stammen auch aus ziemlich unterschiedlichen Familien, er ist jüdischer Franzose und sie hat algerische Wurzeln. Wenn die Eltern des Paares zusammentreffen, befürchtet Arthur eine veritable Katastrophe. Zu Recht.

Michel Leclerc und Baya Kasmi haben in ihren Stoff eine ganze Reihe von autobiografischen Motiven gepackt. Das ist sicher einer der Gründe dafür, dass die Achterbahnfahrt mit ihren running gags, genialen Bildwitzen und bizarren Wendungen nicht aus der Kurve kippt – zu gut kennen Regisseur und Co-Autorin die ernsten Themen, die die Komödie zusammenhalten. Und doch ist es mehr als erstaunlich, mit welchem Tempo die beiden, die auch privat ein Paar sind, in diesen Vergnügungsritt starten. Schon die erste Hälfte der Strecke bietet so viele Loopings, dass man an eine Steigerung kaum mehr glauben mag. Aber es ist wie bei jedem guten Film: Das Beste kommt am Schluss. Wenn auch ganz anders als bei den "Sch’tis".

Der Name der Leute

Die besten Komödien kommen derzeit wohl aus Frankreich. Nach dem Kassenhit "Willkommen bei den Sch’tis" aus dem Jahr 2008 dürfte nun erneut ein Brüller die deutschen Kinos erobern, der in Frankreich schon ein großer Erfolg ist. "Der Name der Leute" strotzt – ähnlich wie der Kulturschocker aus dem französischen Norden – nur so von politischen Unkorrektheiten.
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Meinungen
wignanek-hp · 06.05.2011

Herzerfrischend anders als Vieles, was man so im Kino sieht. Sara Forestier ist eine Wucht. Ich liebe Filme, die mich überraschen! Hier weiß man oft nicht, was im nächsten Moment geschieht. Der Film ist jedem zu empfehlen, der die Überraschung mag.

Kommentare

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