Der Mond in der Gosse

Der Mond in der Gosse

Eine Filmkritik von Patrick Holzapfel

Versuch mal eine andere Welt

Trinkt einen tiefen Schluck Romantik, setzt euch in euer Cabrio, zieht euch kurze Röcke an und driftet in den blanken Style der Verführung von Jean-Jacques Beineix, dem puren Verkäufer von Bildern, bei dem das nächste Bild immer noch ein wenig leerer ist als jenes zuvor. An einer Wand im dreckigen (das Wort fällt in allen Varianten, richtig sehen tut man es nie) Hafen, in dem Gérard Delmas (Gérard Depardieu) mit seiner hysterisch-eifersüchtigen Lebenspartnerin und seiner Alkoholiker-Familie in Der Mond in der Gosse haust, thront ein Werbeplakat, an dem sich die Kamera gar nicht sattsehen kann: „Try Another World“ steht dort, während eine eisgekühlte Flasche im Meer darauf wartet, gekauft und getrunken zu werden.
Gérard ist ein Hafenarbeiter, der heimgesucht wird vom Selbstmord seiner Schwester und auf der Suche nach deren Vergewaltiger durch die titelgebende Gosse und deren Bars wankt, während Erinnerungsfetzen und Traumzustände nach dem Muster von einem in der überroten Blutlache gespiegelten Mond sein Wesen erschüttern. Und dann kommt auch noch sie in sein chaotisches Leben: Loretta aus der Oberklasse, in einem Ferrari Spider, ihre Hände touchieren das Lenkrad wie zärtliche Haut. Sie wird gespielt von Nastassja Kinski und natürlich kann Beineix nicht darauf verzichten, sie genau unter das Plakat fahren zu lassen während sie sich lasziv in ihrem Auto reckt und streckt, bis sie endlich den Blick der Kamera erhascht und verführt wie das Getränk selbst. Sie will den Hafenarbeiter, sie will ihn wirklich. Nun denn: Das alles dient letztlich dem inneren Konflikt von Gérard. Ein Klassenunterschied wird aufgezeigt und die Vergangenheit, die ihn nicht loslässt. Hinzu kommt die Noir-Handlung, die keine Rolle spielt.

Der Mond in der Gosse war der zweite Film von Beineix nach seinem Kultfilm Diva. Basierend auf einem amerikanischen Pulp-Noir-Roman und in seiner comichaften Überzeichnung durchaus an Sin City erinnernd, ist der Film wohl so etwas wie ein Musterexemplar eines Kinos, das man mit Cinéma du look beschrieben hat. Ein Kino der schrillen, ästhetisierten Popkultur für die an den Rand gedrängte Mitterand-Jugend in Frankreich inmitten kommerzieller Alltagswelten und doch himmelweit davon entfernt. Die Kamera schwebt und fährt immerzu durch künstliche Sets, in denen Neonlichter blinken und Rauch aus allen Löchern dringt. Je penetranter man von dieser künstlichen Bilderflut bombardiert wird, desto mehr fühlt man sich an das Betrachten von Werbungen erinnert. Der (Mond-)Schein und die Oberflächen werden hier verkauft, auch die Welt von Beineix ist eine andere Welt. Ein vorgetäuschtes Eindringen in ein Fantasie-Milieu schierer Konsequenzlosigkeit, in der Serge Danyes Konzept von Visualität, das er gegen jenes von Bildern stellte, exemplarisch vorgeführt wird. Denn wirkliche Bilder gibt es nicht, nur mehr Blicke. So springt die Kamera immer wieder ganz nah an die Augen von Gérard, während dieser Frauen betrachtet. Darin könnte man nun romantische Begehrensmuster vermuten, die mit Ausbruch und der Unerreichbarkeit des selben im Einklang stehen. So wirklich gebrochen werden diese Blicke aber nie. Vielmehr zeigen sie alles an, was es in diesem Film gibt: Schauwerte.

Ein gutes Beispiel dafür findet sich in einer Schaukelszene, in der die Kamera mehr oder weniger so positioniert ist, dass sie zwischen die Beine der gegen ein altes Krankenfahrzeug schaukelnden Frau blickt. Da Gérard sich von einer ganz anderen Perspektive am Verführungsritual der Dame ergötzt, handelt es sich nicht um einen Point-of-View. Ebenfalls der unter dem Auto platzierte Vater, der später in einer von zwei komödiantischen Szenen des Films hervorkriecht, nimmt eine andere Sicht ein. Nein, hier geht es um die Attraktion des Blicks, der Verführung, die Beineix äußerst beliebig und mit dem Talent eines durchschnittlichen Musikvideoregisseurs in Szene setzt. Ihm fehlt jegliches kinematographisches Gespür eines auch nur entfernt vergleichbaren Leos Carax. Das Problem von Beineix ist nicht, dass er keine Geschichten erzählt, sondern dass seine Bilder keinen Bezug zur Welt oder zum Kino in sich tragen, sondern letztlich wie die Spiegel, die durch den Film getragen werden, nur auf sich selbst verweisen. Carax dagegen zeigt, dass ein Kino des Looks nicht unbedingt ein Kino der Leere sein muss. Im Gegensatz zu Diva oder auch Betty Blue gibt es nicht einmal nette Einfälle mit wiederkehrenden Motiven. Einzig das Rot des Cabrios, das sich mit dem Rot des Blutes auf dem Gehsteig trifft, deuten hier auf ein spielerisches Potenzial, das nie abgerufen wird.

Die DVD kommt lieblos daher. Es handelt sich um eine längere Fassung des Films, wobei ehemals fehlende Szenen in Französisch auf Deutsch untertitelt sind. Leider kann man bei Wahl der französischen Tonspur keine deutschen Untertitel aktivieren. Extras gibt es keine. Im Text auf dem Wendecover gibt es allerdings mehr Tiefe als im Film.

Der Mond in der Gosse

Trinkt einen tiefen Schluck Romantik, setzt euch in euer Cabrio, zieht euch kurze Röcke an und driftet in den blanken Style der Verführung von Jean-Jacques Beineix, dem puren Verkäufer von Bildern, bei dem das nächste Bild immer noch ein wenig leerer ist als jenes zuvor.
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