Der Mann von der Botschaft

Der Mann von der Botschaft

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine unmögliche Freundschaft

Herbert Neumann (Burghart Klaußner) ist bei der deutschen Botschaft in Tblisi als Referent für entwicklungspolitische Zusammenarbeit angestellt und verrichtet seinen Job mit stoischer Ruhe. Da er keine Familie hat und auch sonst kaum Kontakte unterhält – vom schnellen Sex mit der Botschaftsmitarbeiterin Nana (Marika Giorgobiani) einmal abgesehen –, verbringt er die Abende meist allein zuhause, wo er sich mit Computerspielen ablenkt. Dass die Hauptfiguren in diesem Spiel eine Mutter und ihre Tochter sind, deutet Neumanns existenzielle Einsamkeit bereits an, die sein Leben umhüllt wie eine undurchdringbare Wand. Statt dem vermuteten Glamour bietet das Diplomatenleben für ihn nur lästige Routinen – ein tristes Leben ohne Sinn, Ziel und Halt. Das ändert sich erst, als er zufällig auf einem Markt der kleinen Sashka (Lika Martinova) begegnet, die in einem Flüchtlingslager außerhalb der Stadt lebt. Zunächst steht das Zusammentreffen unter keinem guten Stern, denn Sashka hat es auf die Brieftasche des Diplomaten abgesehen; als der Coup misslingt und sie zu fliehen versucht, übergibt sie Neumann zuerst der Polizei, um sie anschließend vor den rabiaten Ordnungshütern wieder in Sicherheit zu bringen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die auch ohne Worte funktioniert – keiner spricht die Sprache des jeweils anderen. Doch in einer Welt, in der Korruption und Misstrauen zum Alltag gehören, sehen sich der Diplomat und das Flüchtlingskind bald Anfeindungen von allen Seiten ausgesetzt, die bald schon sehr konkret und handgreiflich werden…
In Zeiten und Situationen wie diesen kann es eine Freundschaft wie die zwischen dem Diplomaten und dem Flüchtlingsmädchen gar nicht geben. Und wenn sich dann doch eine Brücke zwischen den fein säuberlich voneinander getrennten Welten ergibt, so liegt es anscheinend nahe, unlautere Motive dahinter zu vermuten. Tsintsadze erzählt dies alles sehr ruhig, unaufgeregt und spartanisch und vertraut vor allem auf die Interaktion seiner Schauspieler, die sich aufgrund der kaum vorhandenen verbalen Ebene vor allem mit Blicken und Gesten verständlich machen müssen. Vor allem Burghart Klaußner, der für seine Rolle in diesem Film als bester männlicher Hauptdarsteller auf dem Festival von Locarno 2006 ausgezeichnet wurde, bewältigt diese wahrlich nicht einfache Aufgabe mit Bravour. Auch Lika Martinova, die die Sashka mit burschikosem Charme und spröder Zurückhaltung spielt, weiß in ihrer Role zu überzeugen – vielleicht ist dies ja der Beginn einer Karriere für das Straßenkind, das der Regisseur nach einem Casting mit über 100 Kindern in Tblisi fand.

Dito Tsintsadzes Film, mit dem sich der Regisseur nach zwei Werken in Deutschland (Lost Killers, Schussangst) wieder an seine Heimat Georgien annähert, erzählt nicht nur die Geschichte einer Freundschaft, er regt auch dazu an, um den Wert von Freundschaft im Allgemeinen nachzudenken. Wie weit sind wir gekommen, wie groß sind unsere Enttäuschungen und unsere Ernüchterung über den Zustand der Welt, wenn wir hinter allem stets das Schlimmste vermuten? Dies sind die Fragen, die dieser ruhige, sparsam inszenierte Film aufwirft und mit dem er die Zuschauer aus dem Kino entlässt. So sehr diese Fragestellungen aber wichtig und richtig sind – ein wenig mehr Wagemut und visuelle Opulenz hätten diesem Film sicher nicht geschadet. Zu oft wirken die Interieurs wie Versuchsanordnungen eines experimentellen Bühnenraumes, verlieren sich die Menschen darin, gehen unter in der erdrückenden Einsamkeit der Räumlichkeiten, bei denen alles hingestellt und steril wirkt. Sich allein auf die inneren Werte eines Films, auf seine Grundidee zu verlassen, ist manchmal eben doch zu wenig.

Der Mann von der Botschaft

Herbert Neumann (Burghart Klaußner) ist bei der deutschen Botschaft in Tblisi als Referent für entwicklungspolitische Zusammenarbeit angestellt und verrichtet seinen Job mit stoischer Ruhe.
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