Der kleine Prinz

Der kleine Prinz

Eine Filmkritik von Anna Wollner

Ausverkauf eines Märchens

Es ist die heilige Kuh der französischen Kinderliteratur. Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry wurde seit seiner Erstveröffentlichung 1943 in 250 Sprachen und Dialekte übersetzt und über 145 Millionen Mal verkauft. Zitate wie "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar " zieren zahllose Poesiealben, Federmäppchen und Frühstücksbrettchen. Es gibt den kleinen Prinzen als Hörspiel, als Theaterstück und als Realfilm. Und jetzt kommt noch die Animations-Spielfilmvariante hinzu, ein europäisches Großprojekt mit Animatoren aus der ganzen Welt und mit Mark Osborne als Regisseur, der bei den ganz Großen lernen durfte und als Co-Regisseur von Kung Fu Panda fungierte. Die heilige Kuh wird im Film jetzt ausgeschlachtet.
"Was willst du werden, wenn du groß bist?" - "Etwas Besonderes" – noch so eine Sandkastenphilosophie, die schon in den ersten Filmminuten gesprochen wird. Ein junges, namenloses Mädchen – genau wie der kleine Prinz namenlos ist – sitzt mit ihrer adretten Mutter beim Bewerbungsgespräch für die Werthakadamie, einer Anstalt, die das Leben der Kinder über das Erwachsensein bis zum Tod durchplant und sie mit ihrer Ausbildung jeder Phantasie beraubt. Alles ist eintönig und grau, durchgenormt und der DIN entsprechend. Die grauen Herren von Momo würden vor Neid erblassen. Essen, spielen, lernen, selbst die Toilettenpause hat eine feste Zeit im Lebensplan. Fehler sind nicht erlaubt im System. Aber gerade Fehler sind es, an denen die Kinder, an denen wir wachsen können.

Eines Tages landet auf dem Schreibtisch des lernenden Mädchens ein Papierflieger. Auf dem Blatt ist die erste Seite aus dem kleinen Prinzen. Dieser Ausbruch aus der Durch-Organisiertheit kommt verspielt. Geworfen hat das unbekannte Flugobjekt der alte Nachbar, ein greiser, tattriger Expilot, der in einem verwunschenen Haus wohnt, das eine Mischung aus Villa Kunterbunt und dem verschrobenen Anwesen von Doktor Proktor ist, einem anderen Kinderbuchklassiker aus der Feder von Jo Nesbø. Welches Kind würde auf diesem geheimnisvollen Anwesen nicht gerne seine Freizeit verbringen? Wenn es denn welche hätte. Das Mädchen stiehlt sich heimlich davon und wird von dem Piloten mit auf eine Reise in die Märchenwelt des kleinen Prinzen genommen.

Die Kritik am System, an der Struktur der Erwachsenenwelt wird mit dem Holzhammer in Form der Originalgeschichte des kleinen Prinzen präsentiert, die Osborne in seine weibliche Rahmenhandlung zu weben versucht. Dem Mädchen sollen die Augen geöffnet werden. Und das Herz. Der Bruch ist nicht nur ein dramaturgischer, sondern vor allem ein optischer. Die Geschichte des Mädchens wird in perfekter Computer-Animation erzählt. Die Episoden vom kleinen Prinzen dagegen in naiv-kindlicher Papier-Stop-Motion-Technik. Es ist die Geschichte in der Geschichte, die irgendwann nervt. Oder mit der Symbolik des kleinen Prinzen gesprochen: ein Elefant in einer Schlange, der aussieht wie ein alter Hut.

Osborns Film übt Kritik am Werteverfall der Gesellschaft, will ein Plädoyer für die Phantasie sein. In der deutschen Fassung sprechen Matthias Schweighöfer und Til Schweiger den Fuchs bzw. den kleinen Prinzen. Ihre Namen prangen in riesigen Lettern auf dem Plakat – es ist der krampfhafte Versuch, den kleinen Prinzen in den Mainstream zu heben. Eine weniger Reißbrett-Phantasie-Umsetzung hätte dem kleinen Prinzen gut getan. In allen Belangen. Denn so ist Der kleine Prinz der Ausverkauf einer eigentlich wunderbaren Geschichte, die zwischen zwei Buchdeckeln wesentlich besser aufgehoben war.

Der kleine Prinz

Es ist die heilige Kuh der französischen Kinderliteratur. "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry wurde seit seiner Erstveröffentlichung 1943 in 250 Sprachen und Dialekte übersetzt und über 145 Millionen Mal verkauft. Zitate wie "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar " zieren zahllose Poesiealben, Federmäppchen und Frühstücksbrettchen.
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