Der Geschmack der Kirsche (1997)

Der Geschmack der Kirsche (1997)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Lebensmüder sucht Totengräber

Man misstraut ihm zunächst, diesem unauffälligen Mann mittleren Alters, der in seinem Geländewagen an der ländlichen Perepherie Teherans nahe Darabad nach einer Person sucht, die einen äußerst gut bezahlten Job für ihn erledigen will. Von den Arbeitern, die ihre Kräfte an den staubigen Geröllstraßen dem suchend Vorüberfahrenden anbieten, wählt er jedoch keinen aus, sondern er spricht gezielt einzelne jüngere Männer an, die er allein antrifft. Rasch wird deutlich, dass es sich um einen heiklen Auftrag handeln muss, und die Angesprochenen reagieren entsprechend ablehnend. Bald aber begreift der Zuschauer, dass dieser Mann seinen Freitod plant und nach einem Gehilfen Ausschau hält, der seinen Körper anschließend würdig mit Erde bedecken soll.

Bei den Filmfestspielen von Cannes des Jahres 1997 wurde Der Geschmack der Kirsche / Ta´m e Guilass von Abbas Kiarostami (Wo ist das Haus meines Freundes? / Khane-ye doust kodjast?, Der Wind wird uns tragen / Bad ma-ra khahad bord) mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und auch von Publikum und Presse begeistert aufgenommen, was für eine ruhige, iranische Tragödie schon kurios ist. Doch es ist gerade die schlichte, tief berührende Langsamkeit und das existentielle Thema, was den Film zu einem ganz besonderen Kleinod werden lässt, und für wie gefährlich dieses eingeschätzt werden kann, zeigt der Umstand, dass die iranischen Behörden das Werk nur sehr zögerlich letztlich doch zugelassen haben.

Herr Badii (Homayun Ershadi) hat beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen und zu diesem Zwecke in den Hügeln außerhalb Teherans ein Erdloch ausgehoben, in dem er in der Nacht seine letzten Atemzüge nach Einnahme von Schlaftabletten auszuhauchen gedenkt, allein den Himmel im Blick. Da er jedoch sicher gehen will, dass sein Leichnam rasch begraben wird, macht er sich auf die Suche nach einem fremden Verbündeten, der gegen gute Bezahlung im Morgengrauen mit zwanzig Schaufeln Erde sein Grab schließt. Doch ein junger Soldat (Safar Ali Moradi) und ein Theologiestudent (Hossein Noori), die ihm auf seinem Weg begegnen, verweigern ihm diese Gefälligkeit, und erst in dem alten Herrn Bagheri (Abdolrahman Bagheri), der im Naturhistorischen Museum von Darabad arbeitet, findet er seinen möglichen Totengräber. Dieser lässt es sich allerdings nicht nehmen, dem Lebensmüden zunächst von seinen einstigen eigenen Erfahrungen mit dem Thema und in diesem Zuge von der banalen Schönheit des Lebens zu erzählen, die auch im Geschmack einer Kirsche enthalten sein kann …
Ohne auch nur ansatzweise die Gründe für den Entschluss Badiis zu thematisieren, setzt Kiarostami den Fokus auf die grundlegende Frage nach dem Recht des Menschen, sich selbst das Leben zu nehmen. Dem religiösen Aspekt des Suizids als Todsünde, vertreten durch den Theologiestudenten, hält der Regisseur das humanistische Argument Badiis der Beendigung unerträglichen Leidens am Schicksal für sich selbst und Andere entgegen, wobei er jedoch mit der Figur des ernsthaften, doch lebensfrohen Herrn Bagheri eine ebenso schlichte wie lyrische Hymne auf die Freude an der eigenen Existenz installiert.
Es berührt die unsagbare Einsamkeit des Herrn Badii, der nur noch eine einzige Sehnsucht kennt, gefangen in sich selbst unterwegs mit seinem Geländewagen, was auch von der anfangs ganz auf ihn konzentrierten Kameraführung getragen wird. Das starke Bedürfnis, jemanden zu finden, der ihn für die letzte Ruhe zudeckt, bringt ihn schließlich in Kontakt mit Menschen und Lebenshaltungen, die seinen nach innen gerichteten Blick verschieben und um bedeutsame Nuancen verändern. Nach der Begegnung mit Bagheri ist es ihm mit einem Mal wichtig, dass dieser auch prüft, ob er tatsächlich tot ist, bevor er ihn mit Erde überhäuft – ein seltener komischer Moment des Films. Doch letztlich begibt sich Badii auf den Hügel, wo sein Grab bereits auf ihn wartet …
Wem sich das Ende des Films nicht sofort schlüssig erschließt, der sollte nicht verzweifeln, denn Abbas Kiarostami ist eine surrealistisch anmutende, verborgene Finte unbedingt zuzutrauen, auch wenn oder gerade weil die Geschichte jenseits der philosophischen Dialoge, die in Banalitäten eingebettet sind, recht nüchtern und sachlich gestaltet ist. Dass Der Geschmack der Kirsche / Ta´m e Guilass überraschend mit der Beendigung von Dreharbeiten schließt, ist jedenfalls eine geradezu geniale Pointe des Themas von Tod und Leben, in welchem wir letztendlich selbstreferentiell gefangen sind.
 

Der Geschmack der Kirsche (1997)

Man misstraut ihm zunächst, diesem unauffälligen Mann mittleren Alters, der in seinem Geländewagen an der ländlichen Perepherie Teherans nahe Darabad nach einer Person sucht, die einen äußerst gut bezahlten Job für ihn erledigen will.

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