Der Ehrengast (2019)

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Familiengeheimnisse, Eitelkeiten, Verletzungen und finstere Geheimnisse – all das sind die typischen Zutaten eines Atom Egoyan Films. Das gilt auch für „Guest of Honor“. Bleibt nur die Frage, ob das reicht, um weiterhin innovatives Kino zu machen?

Der Ehrengast (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Arthouse-Kino nach Vorlage

Verluste und Familiengeheimnisse sind seit jeher die zwei großen Themen des Atom Egoyan und seiner Filme, in denen er immer wieder und gern in Vexierspielen um diese Themen kreist und sie psychologisch aber auch emotional zu erfassen und aufzulösen versucht. Dies war lange Zeit eine interessante Sache mit der Egoyan seinen ganz eigenen Stil auf die Leinwand brachte, doch in den letzten Jahren war zu bemerken, dass er sich eher wiederholt als sie weiter zu entwickeln. Nun also „Guest of Honour“, ein Film, der wieder die gleichen Themen berührt und vor dem die große Frage steht, ob Egoyan etwas Neues oder anderes macht.

Die Antwort ist leider nein und erschwerend kommt hinzu, dass auch die Wiederholungen der gleichen Ideen, Muster und Erzählstrukturen Guest of Honour nicht zu einem besseren Film machen. Im Gegenteil. Egoyan scheint in seiner Welt so langsam verloren zu gehen, ganz wie seine Protagonistin Veronica (Laysla de Oliveira). Die junge Frau kommt am Anfang des Filmes zu einem Priester, der ihren Vater Jim (David Thewlis) beerdigen soll und das, obwohl dieser gar nicht gläubig war. Doch so lautet sein letzter Wunsch. Der Priester (Luke Wilson) braucht für seine Rede ein paar Angaben zum Vater und so entspinnt eine Erzählung über dessen und auch Veronicas Leben, die die junge Frau mit Unterstützung zahlreicher Rückblenden in relativ inkohärenten Abschnitten erzählt. Ein einfacher Gimmick, der dem Film erlaubt sich achronologisch zusammenzusetzen und so sein Thriller-Element und damit Spannung aufzubauen. Der klassische Egoyan-Trick also. Hier reicht er um von Jims Leben zu erzählen, der einst ein Restaurant-Besitzer war, jetzt aber als Restaurant-Kontrolleur für das Gesundheitsamt arbeitet.

Eine eigenartige Wahl und gleichsam eine, die Jim viel Macht gibt. Rigoros hält er sich an die Regeln. Veronica sitzt wiederum im Gefängnis für ein Verbrechen, welches sich erst nach und nach entrollt. Vor ihrer Strafe war sie als Musiklehrerin am Gymnasium tätig, wo ein junger Schüler ihre schöne Augen macht. Auf einer Reise mit dem Schülerorchester wird sie zusätzlich vom Busfahrer, der die Gruppe durch’s Land fährt angebaggert, weist diesen aber, genau wie den Schüler, zurück. Doch Veronicas Erzählung geht noch weiter in die Vergangenheit und berichtet auch von ihrer Kindheit mit einer Mutter, die im Sterben lag und einem Vater, mit dem sie als Kind sehr eng war, bis sie eines Tages vermutete, dass er mit ihrer Musiklehrerin ein Verhältnis hat.

All dies und noch diverse Nebenstränge und Charaktere, die in Guest of Honour kurz vorkommen und eigentlich wichtiger Natur sind, aber ganz und gar nicht beachtet werden, drückt der Film in seine Erzählstruktur hinein, nur um völlig den Überblick zu verlieren. Was eigentlich Egoyans Markenzeichen ist – klug verschachteltes Erzählen – gerät hier zusehends zur Farce und zwar aus zwei dezidierten Gründen. Der erste sind die Aktionen und Reaktionen seiner Protagonistinnen, die oft eklatant an jeglicher Realität vorbeilaufen. Kurzum seine Figuren tun ständig Dinge, die völlig irritierend dumm oder absolut irrelevant sind, dann aber als wichtig verkauft werden. Die wenigsten Handlungen lassen sich aber nachvollziehen in Motivation oder auch nur im Gedankengang, der dahinterstecken sollte. Es ist schon fast wie in einem schlechten Horrorfilm, in dem man ständig rufen möchte: „Nein, lauf nicht allein durch die dunkle Gasse“, nur um hilflos zuzusehen, wie es doch geschieht. Allerdings muss man bei Egoyan noch viel Verwunderungen addieren, denn Sinn macht hier nur wenig. Das zweite Problem ist sein Umgang mit der proklamierten Komplexität, die eine ganze Reihe Nebenfiguren auftauchen lässt, nur um völlig überfordert mit diesen zu sein. Bestes Beispiel ist das große Geheimnis Veronicas, das einen anderen Jungen und später Mann mitinvolviert. Als sie ihm beichtet, was sie getan hat, verzweifelt dieser und nimmt extra eine Kamera, in die er kryptische Worte spricht, um sich dann selbst zu töten. All das tut er laut und Veronica liegt im Zimmer nebenan, bekommt jedoch wie durch ein Wunder nichts davon mit. Die Aufzeichnung, die der Mann extra mit einem Post-It „Schau dir das später an!“ beschriftet hat, findet Jim eines Tages, wie das Drehbuch es vorsieht und bekommt das Video so kredenzt, wie es nur für seine Figur, jedoch niemals für Veronica selbst, für die es angeblich bestimmt ist, Sinn machen würde. Doch abgesehen von dieser kruden und teils sinnlosen Konstruktion, ist es vor allem die Figur des Mannes, der sich umbringt, die hier leiden muss, kommt sie doch ansonsten nicht mehr vor und wird nicht einmal richtig eingeführt, geschweige denn abgeschlossen.

Für solche Figuren lässt sich keine Empathie entwickeln, sie sind nicht einmal richtig da. Doch auch die restlichen Mitspieler, selbst Veronica und Jim, um die es ja geht, sind so grob gezeichnet und so wenig echt Mensch, dass keinerlei Interesse an ihnen entstehen mag. Erschwert wird das Sehen von Guest of Honour für alle, die Egoyans Filme kennen, denn dann geht auch der letzte Funken Interesse verloren. Doch egal, ob mit oder ohne Vorkenntnisse, dieser Film ist Arthouse-Crime als grobes Schnittmuster nach Vorlage von einem halben Dutzend Filmen, die der Regisseur schon abgedreht hat und das auch noch viel besser.

Was aus dem einst innovativen Geschichtenerzähler geworden ist, lässt sich schwer sagen. Aber dieses Werk von ihm kann man getrost auslassen und mit viel gutem Willen nur hoffen, dass es das nächste Mal wieder besser wird.

Der Ehrengast (2019)

Atom Egoyans neuer Film Guest of Honour handelt von der Beziehung eines Vaters zu seiner Tochter, die wegen der falschen Beschuldigung eines sexuellen Übergriffs im Gefängnis sitzt und die sich weigert, den Knast zu verlassen. Behutsam versuchen sie, einen Weg des Umgangs miteinander zu finden, doch die Erinnerungen an die Vergangenheit fordern ihren Tribut.

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