Der Dorflehrer

Der Dorflehrer

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Von den Steinen lernen

Jeder Mensch ist anders, erklärt der Dorflehrer seinen Schülern. Und was zunächst so banal klingt, birgt eine tiefe Wahrheit. Hat doch der homosexuelle Pädagoge auf schmerzliche Weise erfahren, was es bedeutet, anders zu sein. Aber: Anders sind wir alle. Und deshalb ist dem tschechischen Regisseur Bohdan Sláma nicht nur ein einfühlsames Drama über die Nöte der gleichgeschlechtlichen Liebe gelungen. Sondern eine wundervolle Parabel über die Schwierigkeiten, seinen eigenen Weg im Leben zu finden.
Der junge Lehrer Petr hat sich von Prag an eine Schule tief in der Provinz versetzen lassen. Und es ist sofort spürbar, dass er ein Geheimnis mit sich herumträgt, über das er nicht sprechen möchte. Aus der Großstadt ist er wegen zweier gescheiterter Beziehungen geflohen. Seine Freundin hat ihn wegen seines Coming-outs verlassen. Aber auch die Verbindung zu dem neuen Geliebten ging darüber in die Brüche. Biologielehrer Petr will auf Sexualität verzichten wie die Arbeitsbienen, von denen er seinen Schülern erzählt. Er lernt Marie kennen, eine alleinerziehende Bäuerin, mit der ihn eine Art platonischer Liebe auf den ersten Blick verbindet. Aber die Dämonen der Vergangenheit holen den traurigen Flüchtling auch in der Idylle des Landlebens heim.

Bohdan Sláma, der mit Die Jahreszeit des Glücks in seiner Heimat einen Publikumshit landete, erzählt in seinem dritten langen Spielfilm mehrere Geschichten in einer. Es geht auf einer Ebene durchaus um sexuelle Identität. Aber es geht auf einer zweiten Ebene um zwei weitere Menschen – Marie und ihr pubertierender Sohn -, die ebenfalls mit einem Bruch in ihrem Leben zu kämpfen haben, mit einer seelischen Verletzung, die nicht zu heilen scheint. Und drittens geht es in einer philosophisch unterfütterten Betrachtung um das Menschsein als solches – um das Leiden, die Verirrungen und Kränkungen, die wir nicht verhindern können auf unserer Suche nach dem Glück.

Dieses Leiden, das sich in das Gesicht des Lehrers für immer eingegraben zu haben scheint, kontrastiert der Regisseur mit der luftigen Stimmung eines Sommers auf dem Lande. Fast meint man das Heu zu riechen und die leichte Brise auf dem See zu spüren, so intensiv lässt sich Der Dorflehrer auf die Natur ein. Sie bildet den harmoniegesättigten Gegenpol zu den zerrissenen Seelen und nährt die Ahnung, dass die Wunden heilen werden.

Auch die eingeflochtenen kleinen Geschichten und Anekdoten tragen dazu bei, dass die Stimmung des Films nicht ins Depressive kippt. Immer wieder greift der Dorflehrer auf Analogien aus der Tierwelt oder der Gesteinskunde zurück. Zum Beispiel wenn er von seinem blinden Großvater erzählt, der einen wuchtigen Fels geduldig abtastete, die Adern des Gesteins entdeckte und danach mit wenig Krafteinsatz das Hindernis zerteilte, das zuvor brachialer Gewalt widerstanden hatte. Die Schwachstellen entdecken – das ist eines der Leitmotive, die die Handlung unterfüttern. Und zwar im doppelten Sinne: Wer die Schwachstellen des anderen kennt, kann dies ausnutzen oder ihm die Augen über sich selbst öffnen. Und wer die Schwachstellen bei sich selbst kennt, kann wie Petr die anderen um Vergebung bitten.

Abgesehen von seinem dramatischen Mittelteil kommt der Film weitgehend ohne äußere Katastrophen aus. Er verlässt sich in seinem Rhythmus und den sorgfältig komponierten Einstellungen ganz auf die innere Logik der Charaktere und die Konsequenzen ihres Zusammentreffens. Am Ende haben sie etwas gelernt, was die trockene Erkenntnis mit schmerzhaften Erfahrungen belegt, die Petrs Vater einmal zum Besten gibt: Einsamkeit ist schrecklich.

Der Dorflehrer

Jeder Mensch ist anders, erklärt der Dorflehrer seinen Schülern. Und was zunächst so banal klingt, birgt eine tiefe Wahrheit. Hat doch der homosexuelle Pädagoge auf schmerzliche Weise erfahren, was es bedeutet, anders zu sein. Aber: Anders sind wir alle.
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