Der Distelfink (2019)

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Donna Tartts Besteller „Der Distelfink“ über einen 13-jährigen Jungen, der bei einem Anschlag in New York seine Mutter verliert, hat seinen Weg ins Kino gefunden. John Crowley hat sich an die knifflige Aufgabe gemacht das umfangreiche Werk zu verfilmen – gelingt es ihm auch?

Der Distelfink (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Das Geheimnis eines Überlebenden

Der 13-jährige Theo Decker (Oakes Fegley) überlebt einen Bombenanschlag auf das New Yorker Metropolitan Museum of Art, bei dem seine Mutter ums Leben kommt. Damit beginnt seine abenteuerliche Odyssee auf der Suche nach einem Zuhause und stabilen Beziehungen. Theo lernt extrem unterschiedliche Milieus kennen, die ebenfalls früher oder später von Unglück und Katastrophen heimgesucht sind. Aber er besitzt Hoffnung, einen starken Überlebensinstinkt und ein kostbares Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das er aus dem Schutt des zerbombten Museums in Sicherheit brachte: „Der Distelfink“ von Carel Fabritius.

Es passiert nicht gerade wenig in dieser Coming-of-Age-Geschichte, die der Ire John Crowley (Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten) nach einem Drehbuch des Briten Peter Straughan (Dame, König, As, Spion) inszeniert hat. Sie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Donna Tartt, der 2014 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Dieses voluminöse, hoch spannende Buch zu verfilmen, ist ein gewagtes Unterfangen. Zum einen verläuft die Entwicklung des jungen Theo über viele Stationen. Zum anderen verdankt der Roman seinen Reiz und seine Qualität der introspektiven Ich-Erzählung der Hauptfigur. Tartt legt gut beobachtete und bewegende Erkenntnisse über die seelischen Folgen eines Traumas, die menschliche Natur und die Widersprüche des Lebens hinein. 

Der Film bleibt sehr nahe an der Buchvorlage, fast alle ihrer zahlreichen Charaktere kommen vor. Diese Entscheidung hat Folgen, die nicht allesamt vorteilhaft sind. So beginnt der Film zu einem späten Zeitpunkt der Geschichte, als der 27-jährige Theo (Ansel Elgort) in einem Hotel in Amsterdam Blut von seinem weißen Hemd wäscht. Etwas Schlimmes muss geschehen sein. Rückblenden folgen seinen Erinnerungen in die Zeit vor 14 Jahren, springen munter hin und her zwischen dem Leben des Jugendlichen nach dem Attentat und dem Umfeld, in dem sich der junge Mann bewegt, bevor er in diesem Hotel landet. Die Nichtlinearität wird in einem fast schon prätentiösen Ausmaß zelebriert. Sie erlaubt es, sehr viele Szenen aus dem Buch zu platzieren, zu erwähnen, wirkt aber mit den vielen Unterbrechungen des Erzählflusses seiner Vertiefung auch entgegen. Man sehnt sich direkt nach einer altmodisch epischen Geschichte, die rein chronologisch vorgeht, aber so etwas hätte dann wohl einen filmischen Mehrteiler ergeben müssen.

Am Tag des nicht näher benannten Bombenanschlags ist Theo mit seiner Mutter im Museum und gibt sich später die Schuld an ihrem Tod. Denn wäre sie nicht in die Schule zitiert worden wegen seines Benehmens, hätte es diesen Abstecher gar nicht gegeben. Im Museum zeigt sie ihm ihr Lieblingsbild, „Der Distelfink“. Theo interessiert sich auch für das rothaarige Mädchen, das mit seinem Onkel davorsteht. Als Theo nach der Katastrophe in den Trümmern erwacht, findet er den sterbenden Onkel, der ihm einen Ring übergibt und eine Adresse, zu der er ihn bringen soll. 

Theo weiß nicht, wohin er nun gehören könnte, und nennt den Behörden als erste Anlaufstelle die Barbours, die Familie seines Schulfreundes Andy (Ryan Foust). So kommt er in das Upper-Class-Milieu der Park Avenue, das Andys faszinierende, mondäne und unterkühlte Mutter (Nicole Kidman) so unnachahmlich verkörpert. Mrs. Barbour ist aus Theos Sicht eine schillernde Gestalt. Sie wird von Nicole Kidman mit vornehmer Reserviertheit, aber dennoch eine Spur zu mütterlich gespielt. Im Film kommt die Einsamkeit Andys, der sich ungeliebt fühlt, aber auch die hellwache Art, mit der der in seiner Verzweiflung eingekapselte Theo registriert, wie die anderen vor seinem Schmerz zurückscheuen, zu kurz. 

Kaum scheint sich Theo ein wenig zu fangen, taucht sein Vater Larry (Luke Wilson) auf, mit seiner Freundin Xandra (Sarah Paulson). Er hatte Theo und seine Mutter verlassen und ist dem Jungen als Trinker in unguter Erinnerung. Auf das Leben bei den Barbours folgt für Theo nun das gegenteilige Milieu, eine verwaiste Siedlung in Las Vegas am Rande der Wüste, mit zwei Erwachsenen, die wenig vertrauenswürdig sind. Hier ist Theo schrecklich einsam, aber er freundet sich mit dem russischen Schüler Boris (Finn Wolfhard) an, dem es noch dreckiger geht. Diese beiden vernachlässigten, ungeliebten Jungen geben sich gegenseitig Halt, aber Boris führt Theo auch an Alkohol und Drogen heran. Finn Wolfhard spielt den jungen Boris beeindruckend, wenngleich dem abgebrühten Rebellen mit dem russischen Akzent ein wenig Vitalität abgeht.

Ein weiterer Schicksalsschlag lässt Theo zurück nach New York fliehen. Er sucht Unterschlupf bei Hobie (Jeffrey Wright), dem früheren Geschäftspartner des Mannes, den Theo im Museum sterben sah. Theo steigt als Erwachsener in Hobies Antiquitäten- und Restaurationsgeschäft ein, aber er hat immer noch keinem Menschen verraten, dass er den „Distelfink“ besitzt. Über die Gründe schweigt sich der Film aus. Trotzdem gelingt es Ansel Elgort, hinter der coolen Fassade des Hauptcharakters einen Anflug innerer Lähmung, eine taumelnde Ratlosigkeit aufscheinen zu lassen. 

Viele Menschen, bei denen Theo Halt sucht, sind ebenfalls seelisch versehrt. So auch die rothaarige Pippa (Ashleigh Cummings), die ab und zu bei Hobie zu Besuch weilt und in die sich Theo bereits verliebte, als er sie am Tag des Anschlags im Museum sah. Doch das Leben führt Theo erneut in stürmische, ja in kriminelle Gefilde. Auch diese Wendung, wie das filmische Sinnieren über den Wert alter Kunst, nutzt die Geschichte als Formen der Auseinandersetzung, die Theo mit sich selbst führt. 

Crowleys Film gelingt es, den Geist der Buchvorlage einzufangen und vor allem den einzelnen Milieus, die Theo erlebt, Authentizität zu verleihen. Doch in der Frage, wie sich der Junge und später der junge Mann selbst begreift, gerade auch im Verhältnis zu anderen, bleibt der sorgfältig gemachte Film zu vage und zaghaft. Er hätte sich stärker von der Buchvorlage lösen und es wagen sollen, die Charaktere eigenständiger zu interpretieren.

Der Distelfink (2019)

Der junge Theo wird von einer wohlhabenden Familie aufgenommen, nachdem er bei einem Bombenanschlag auf das Metropolitan Museum of Art seine Mutter verloren hat.

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