Der Diener

Der Diener

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Harold Pinter und Joseph Losey als analytische Beobachter menschlicher Abgründe

Noch bevor er nach längerer Abwesenheit in Afrika sein neues Domizil in London einrichtet, engagiert der standesbewusste Aristokrat Tony (James Fox) den gleichermaßen souverän wie dezent auftretenden Diener Barrett (Dirk Bogarde), den er sogleich mit der Renovierung und Ausstattung der Räume beauftragt sowie mit der Organisation und Erledigung des Haushalts betraut. Während seine Verlobte Susan (Wendy Craig) dem selbstsicheren Barrett von Anfang an misstraut und zunehmend mit arroganter Ablehnung begegnet, entwickelt sich zwischen dem Diener und seinem Herrn, der dessen umfassenden Service zu schätzen weiß, ein solide-sittsames Verhältnis des klar definierten, sozusagen professionellen Zusammenlebens. Noch treibt der Zuschauer mit wachsamer Aufmerksamkeit im Spektrum zwischen Tonys und Susans Haltung Barrett gegenüber umher, auch wenn sich die prätentiöse Eigensinnigkeit des Dieners bereits andeutet. Doch als Barrett die Anstellung eines Dienstmädchens mehr verlangt als vorschlägt und die naiv-laszive Vera (Sarah Miles) als seine Schwester und geeignete Kandidatin dafür ins Haus bringt, zeichnen sich seine Pläne zur Machtübernahme deutlich ab …
Basierend auf dem Roman The Servant von Robin Maugham verfasste der britische Theaterautor Harold Pinter (1930-2008) für Der Diener 1963 unter der Regie von Joseph Losey (1909-1984) sein erstes Drehbuch für filmisches Terrain, und die Zusammenarbeit dieser beiden kritischen kreativen Köpfe setzte sich mit Accident – Zwischenfall in Oxford (1967) und Der Mittler (1971) so eindrucksvoll wie erfolgreich fort. In diesen drei Werken brodelt die Thematik von gesellschaftlich als unangemessen bis verwerflich bewerteten Beziehungen innerhalb einer streng hierarchisch orientierten britischen Sozietät, die bei Harold Pinter die Herkunft markierte und für Joseph Losey das Exil darstellte, nachdem er in den USA aufgrund des Vorwurfs „unamerikanischer Umtriebe“ beruflich geächtet wurde.

Die filigrane Führung der Kamera bei Der Diener übernahm der vielseitige und technisch einfallsreiche wie sorgfältige Douglas Slocombe, der innerhalb eines 2012 geführten Interviews Auskunft über seine Arbeitsweise bei diesem Film gibt, die zuvorderst durch den geschickten Einsatz von Schatten und Spiegeln eine aufwühlende Atmosphäre unterschwelliger Bedrohungen erschafft. Derartige Interviews wie beispielsweise auch mit Joseph Losey und Harold Pinter finden sich im Bonusmaterial der Blu-ray Disc von Arthaus, das interessante Informationen zu Cast und Crew dieses außergewöhnlichen Films liefert, der seinerzeit im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt wurde und unter anderem den Preis für die Beste Kamera der British Society of Cinematographers, das Beste Drehbuch des New York Film Critics Circle und drei BAFTA Awards gewann, für die Beste Kamera sowie für die Besten schauspielerischen Leistungen von Dirk Bogarde und James Fox.

Es sind die vielschichtigen Beziehungsaspekte der Protagonisten untereinander, die hier im Zuge einer intensiven bis intimen Beobachtung zur Darstellung kommen und dabei eine ungeheure psychologische Spannung erzeugen, deren Wendungen stets aufs Neue zusätzliche Optionen eröffnen. Diese kalkulierte Vagheit bannt die Aufmerksamkeit des Zuschauers bis zum offenen Schluss, der die Charaktere noch einmal drastisch aufmarschieren lässt. Es ist der zunehmend herrische Diener Barrett, der das Geschehen dominiert und zynisch bis seltsam gutmütig mit den anderen Figuren herumjongliert, während er sein Verhältnis zu Tony krassen Wechselbädern unterzieht: Mal balgen die beiden Männer wie rivalisierende Spielkameraden miteinander herum und Barrett zeigt sich verständnisvoll, dann wieder wird Tony beschimpft, gedemütigt und verlacht. Doch allein in der Umkehrung der anfänglichen Herr-Diener-Konstellation erschöpfen sich die Facetten und Interpretationsansätze dieses letztlich ins Absurde abgleitenden Dramas keineswegs. Aspekte der Abhängigkeit, Macht, Loyalität und Liebe werden von erotischen und sexuellen Provokationen umlauert, wobei die allzu menschlichen Bedürfnisse nach Gesellschaft und Geborgenheit jenseits der starren Konventionen dauerhaft offenbar nur auf Kosten der Würde zu haben sind.

Auch wenn Der Diener die persönliche Geschichte seiner Protagonisten fokussiert, klingt vor allem am Anfang des Films die spätkolonialistische Arroganz an, mit welcher Tony als Repräsentant des Geldadels von millionenschweren geplanten Projekten einer forcierten Umsiedelung beispielsweise der Bevölkerung Brasiliens spricht. Es ist signifkant, dass Tony, dessen Vater vor wenigen Wochen verstarb und der erst kürzlich aus Afrika zurückkehrte, in der Eingangssequenz von Barrett geweckt wird, der sich künftig fürsorglich um ihn kümmern wird. Die angedeutete Orientierungslosigkeit des Aristokraten, die er durch vage berufliche Vorhaben und seine durchaus zugeneigte und harmonische Beziehung zu Susan mit drängendem Heiratswunsch auszugleichen bemüht ist, kommt dann zum Durchbruch, als er seinen Diener hinauswirft und daraufhin innerhalb weniger Tage geradezu verwahrlost und auch seine Verlobte vernächlässigt. Mit der Rückkehr Barretts ins Haus geht die Kapitulation Tonys vor dessen umsorgender Dominanz einher, die als paradoxe Spiegelung der Hierarchien und Hegemonialverhältnisse der britischen Gesellschaft der frühen 1960er Jahre betrachtet werden kann. Angesichts der bekannten Haltung Harold Pinters und Joseph Loseys als sozialkritische Zeitgeister und messerscharfe analytische Beobachter menschlicher Abgründe der Angst, Gewalt und Abhängigkeitsverstrickungen erscheint Der Diener als ein extrem eindrucksvolles, parabelhaftes Werk der Meisterklasse, dessen aktuelle Veröffentlichung auf Blu-ray einen Glücksfall darstellt.

Der Diener

Noch bevor er nach längerer Abwesenheit in Afrika sein neues Domizil in London einrichtet, engagiert der standesbewusste Aristokrat Tony (James Fox) den gleichermaßen souverän wie dezent auftretenden Diener Barrett (Dirk Bogarde), den er sogleich mit der Renovierung und Ausstattung der Räume beauftragt sowie mit der Organisation und Erledigung des Haushalts betraut.
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