Der Blender - The Imposter

Der Blender - The Imposter

Eine Filmkritik von Silvia Bahl

Bekenntnisse eines Hochstaplers

Das Label der „wahren Geschichte“ hat seit jeher eine besondere Sogwirkung auf den Zuschauer und appelliert an die sensationellen Bedürfnisse, welche Bart Layton in seiner beeindruckenden Debüt-Dokumentation The Imposter auf geschickte Weise ad absurdum führt. Mit einer Mischung aus Interviews, privaten Archivaufnahmen und filmischem Reenactment rekonstruiert er die Geschichte eines jungen Betrügers, der sich als lang vermisstes Kind ausgibt und in eine Familie zurückkehrt, die nicht die seine ist. Doch was das eigentlich Unfassbare darstellt, ist, wie Behörden wie auch Angehörige des Verschollenen den offensichtlichen Fake aus sehr unterschiedlichen Gründen durchgehen lassen.
1994 verschwindet der 13-jährige Nicolas Barclay nach dem Basketballspielen spurlos. Die texanischen Behörden fahnden zusammen mit der verzweifelten Familie jahrelang vergeblich. Layton beginnt seine Doku mit tränenreichen und verzweifelten Statements der Mutter, seiner Schwester und ihres Schwagers, die aus einer Folge Aktenzeichen XY enstammen könnten und in ihrer Darstellungsform Sehgewohnheiten des „scripted-reality“-Fernsehens aufrufen. Dann geschieht etwas Seltsames. Nach drei Jahren meldet sich die Polizei mit der Nachricht, dass sie Nicolas gefunden habe — und zwar in der spanischen Kleinstadt Linares.

Sofort macht sich die Schwester auf den Weg quer über den Atlantik, um den Verlorenen zurückzuholen, doch was sie vorfindet, ist ein junger Mann, der einen starken Bartansatz hat, mit einem französischen Akzent spricht und sich wissentlich mit Kapuze, Schal und Sonnenbrille vermummt. Es ist ziemlich offensichtlich, dass dies nicht der blonde, blauäugige Engel Nicolas sein kann, doch für alle Angehörigen besteht dennoch kein Zweifel an seiner Identität.

Schon zu Beginn des Films führt Layton den eigentlichen Erzähler ein: Fréderic Bourdin, auch genannt „das Chamäleon“, einen pathologischen Serienbetrüger und Identitätsdieb. Mit erfrischender Klarheit und einem sardonischen Lächeln legt er dem Zuschauer en detail dar, mit welchen Strategien er damals, als flüchtiger junger Mann, versuchte, sich in eine heile Familienwelt hineinzulügen — um sich selbst eine bessere Zukunft zu verschaffen.

Die Masche ist dabei immer dieselbe: Er gibt vor, einem pädophilen Menschenhändler-Ring entflohen zu sein, inszeniert sich bei den Behörden als schwer traumatisiertes, kaum zur Sprache fähiges Kind, das keine Ausweispapiere vorweisen kann, bis er sich einen Überblick über die aktuell vermissten Jugendlichen verschafft hat. In diesem Falle ist der Identitätsdiebstahl ein Notfall – Bourdin wird vom Kinderheim unter Druck gesetzt und auf gut Glück behauptet er, der vermisste Nicolas aus Texas zu sein. Als er durch geschickte Tricks an dessen Unterlagen kommt, setzt blanke Panik ein – zu offensichtlich ist der Unterschied. Doch die gesamte Familie besteht zu seiner Überraschung darauf, ihn eindeutig identifiziert zu haben. Aber warum?

Diese Frage verfolgt Layton akribisch und worauf sie hinausläuft ist in der Tat gruseliger, als der scheinbar tief gestörte Hochstapler es jemals sein kann. Es werden Prozesse einer so gewaltigen psychischen Verdrängung offenbar, dass man nur staunen kann. Der finale Plot-Twist ist so erschütternd, dass man fast nicht glauben möchte, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt – zu sehr schreit dieser Stoff nach Kino.

Die von Layton porträtierten Personen sind in ihrer Skurrilität für sich genommen schon so außerordentlich, dass sie allesamt aus der Feder der Coen-Brüder entsprungen sein könnten — sei es die texanische White-Trash-Familie, die verkorkste FBI-Ermittlerin oder der auf die Identifikation von Ohren spezialisierte Privat-Detektiv Charlie Parker.
Das gewählte Fernseh-Format wirkt zunächst etwas abstoßend und irritierend – doch Layton persifliert den Tränendrüsen-Modus der sich selbst darstellenden Opfer durch die Übergabe der Erzählperspektive an den vermeidlichen Übeltäter, der uns in bester Dexter-Manier das Verbrechen durch seinen amoralischen Blick erleben lässt und so neue Perspektiven auf das Geschehen sichtbar macht. Auch Montagetechniken wie das Zurückspulen der Handlung und die ironischen Inserts aus amerikanischen Kriminalklassikern hinterfragen die scheinbar klare Aufteilung in Täter und Opfer; sie halten den Zuschauer dazu an, auf einer Meta-Ebene an dem Spiel der Identitäten teilzunehmen. Sowohl Betrüger als auch die Angehörigen zeigen in ihrer Performance notwendigerweise alle Qualitäten, die auch gutes Schauspiel ausmachen.

Layton ist eine faszinierende und verstörende Chronik eines Betruges gelungen, der einen noch größeren Selbstbetrug offenbar macht.

Der Blender - The Imposter

Das Label der „wahren Geschichte“ hat seit jeher eine besondere Sogwirkung auf den Zuschauer und appelliert an die sensationellen Bedürfnisse, welche Bart Layton in seiner beeindruckenden Debüt-Dokumentation „The Imposter“ auf geschickte Weise ad absurdum führt. Mit einer Mischung aus Interviews, privaten Archivaufnahmen und filmischem Reenactment rekonstruiert er die Geschichte eines jungen Betrügers, der sich als lang vermisstes Kind ausgibt und in eine Familie zurückkehrt, die nicht die seine ist.
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