Der Architekt

Der Architekt

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Eine Familie implodiert

Das scheint der zweite Kino-Frühling des Josef Bierbichler zu sein: Seit 2006 ist der Theaterstar auf der Leinwand so präsent wie einst in den 1970ern. Im Debüt von Ina Weisse zeigt er erneut, welch brüchige Kraft er seinen Figuren verleihen kann.
Es ist oft Winter in diesen Filmen. Nicht nur äußerlich. Die Kälte spiegelt etwas vom Seelenzustand dieser Figuren, die mit 60 die Midlife-Crisis eigentlich hinter sich haben müssten und trotzdem tief in einer Sackgasse stecken. Wie in Hans Steinbichlers Winterreise und Caroline Links Im Winter ein Jahr zeigt Bierbichler in Der Architekt ein doppeltes Gesicht: auf der einen Seite dominant, fast autoritär, auf der anderen Seite so ungeheuer verletzlich und verwirrt, als blicke er auf sein Leben wie in einen unendlichen Abgrund.

Nomen est omen: Georg Winter heißt der Architekt, den Bierbichler im Debütfilm von Ina Weisse spielt. Ein Mann, der eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Karriere steht und alles hat: eine attraktive Frau (Hilde van Mieghem), zwei erwachsene Kinder (Sandra Hüller und Matthias Schweighöfer) und jede Menge Anerkennung. Doch Georg Winter taumelt durch sein Büro, als hätte er alles verloren. In gewisser Weise stimmt das auch. Winter hat vieles, nur die Liebe nicht. Sein eigentliches Leben würde Hannah (Sophie Rois) gehören, einer Frau, die er schon ewig nicht mehr gesehen hat. Aber dann fährt Winter mit Gattin und Kindern zur Beerdigung seiner Mutter in das verschneite Bergdorf seiner Heimat. Dort werden sie durch eine Lawine von der Außenwelt abgeschnitten – die Familie implodiert.

Der Schnee spielt eine Hauptrolle in diesem Familiendrama. In schaurig-schönen Bildern scheint er die Menschen zu erdrücken, einzuhüllen, zum Verschwinden zu bringen. Dann wieder bietet die verschneite Landschaft Trost, eröffnet Auswege aus dem engen Kammerspiel eines Familienlebens, das auf einer Lüge basiert. Wenn diese Einsamen so hinausstapfen in die endlose weiße Pracht, dann ist es, als würden sie sich irgendwann einfach hinlegen und friedlich einschlafen.

Man könnte mit Recht sagen, diese Familie ist die Hölle. Aber das würde den Ton nicht treffen, in dem Regisseurin Ina Weisse das Drama in schlichte, sparsam kalkulierte Bilder setzt. Hier kochen keine Emotionen hoch. Tiefe Enttäuschungen wenden sich nach innen, äußern sich höchstens im Abwenden, im Schweigen oder im plötzlichen Abbruch eines Satzes. Kleine Gesten transportieren große Bosheiten. Wirkung zeigen sie aber nur in den Körpern und auf den Gesichtern.

Anders als sonst in Geschichten von Lebenslügen und Leichen im Keller gibt es hier keinen Schuldigen. Ina Weisse beobachtet ihre Figuren, seziert die Verhältnisse, zeigt die verhängnisvolle Verstrickung über Generationen. Wo schon die Eltern des Architekten im Schweigen verharrten, wo der Sohn sich mit Schrecken an seine Mutter erinnert, da werden die Schäden weitergegeben an die eigenen Kinder. Die Trauer, die in dieser Diagnose liegt, schafft Raum für Mitgefühl. Es ruht kein distanzierter, sondern ein warmherziger Blick auf diesen vier Beschädigten.

Dass der Film dies kitschfrei und ohne übertriebene Tristesse als Spiegel einer Familie in Szene setzt, wie sie nun mal geworden ist – das ist nicht zuletzt das Verdienst eines überragenden Schauspielerensembles. Hilde van Mieghem, Matthias Schweighöfer, Sandra Hüller und vor allem Sophie Rois mobilisieren gegen die Wucht des Titelhelden in jedem Moment die nötige Intensität. Bierbichler-Fans müssen übrigens nicht traurig sein, wenn der Abspann läuft. Der bayerische Charakterkopf wird schon bald in Der Knochenmann von Wolfgang Murnberger zu sehen sein, der für Februar angekündigt ist. Und ebenfalls 2009 läuft Das weiße Band, der neue Film von Michael Haneke.

Der Architekt

Das scheint der zweite Kino-Frühling des Josef Bierbichler zu sein: Seit 2006 ist der Theaterstar auf der Leinwand so präsent wie einst in den 1970ern. Im Debüt von Ina Weisse zeigt er erneut, welch brüchige Kraft er seinen Figuren verleihen kann.
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