Defamation

Defamation

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

"Der älteste Hass der Welt"

Der Impuls zu Yoav Shamirs filmischer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus geht zurück auf den letzten Film des Regisseurs. In Checkpoint (2003) hatte der Filmemacher in niemals wertenden, sondern betont nüchternen Bildern den ebenso banalen wie grausamen Alltag an den schwer bewachten Grenzkontrollposten Israels gezeigt und sich daraufhin von einem jüdischen Journalisten in den USA den Vorwurf eingehandelt, er sei ebenso ein Antisemit wie Mel Gibson. Gleichermaßen amüsiert wie entsetzt von diesem Vorwurf begibt er sich in Defamation mit der Kamera im Gepäck und Michael Moore im Sinn auf die Suche nach den heutigen Erscheinungsformen des Antisemitismus und fördert dabei Erstaunliches und Widersprüchliches zutage.
Der Film beginnt mit einer kleinen Lüge oder nennen wir es lieber einem Kunstgriff, wie er spätestens durch Michael Moore in Mode gekommen ist. Denn trotz seiner Erfahrungen mit der Kritik an seinem Film und damit auch an seiner Person stellt sich Yoav Shamir dumm und verweist darauf, in seinem ganzen Leben bislang noch nie mit Antisemitismus in Berührung gekommen zu sein. Und dennoch, so die Grundprämisse seines Films, begegne sie ihm immer wieder in Medienberichte, in den Nachrichten und in Gesprächen mit anderen Menschen. Was ist also dran am Antisemitismus?

Die "Anti Defamation League" (kurz ADL) ist die weltweit größte Organisation, die sich mit dem Aufspüren und Veröffentlichen von antisemitischen Vorfälle jedweder Art beschäftigt – also genau die richtige Anlaufstelle, um das Wesen und die Erscheinungsformen des Judenhasses zu ergründen. Doch genau das stellt sich schwieriger heraus als zunächst vermutet. Denn als es darum geht, für die Kamera nach einem Fall zu suchen, den man für den Film verfolgen kann, stellt sich manches als ungeeignet heraus, andere Fälle sind mit einer einfachen Entschuldigung abgeschlossen worden. Es sind Szenen wie diese, die den Zuschauer heftig schlucken lassen, weil sie scheinbar Munition liefern für all jene, die den Antisemitismus und den Holocaust als grausamste Manifestation am liebsten ad acta legen oder schlichtweg leugnen wollen.

Einen ähnlichen Eindruck bekommt man auch, wenn der Regisseur sich gemeinsam mit einer Jugendgruppe aus Israel auf einer Reise nach Polen zu den Gedenkstätten für die Konzentrationslager aufmacht. Stets begleitet von Mitarbeitern des Geheimdienstes, die eindringlich vor den Gefahren in diesem "feindlichen" Land warnen, werden die Jugendlichen beinahe schon indoktriniert. Und wundern sich wenig, wenn sie tatsächlich von älteren polnischen Herrschaften angesprochen werden. Deren Aussagen haben zwar wenig mit Antisemitismus zu tun, doch für die Jugendlichen ist das eingetreten, was sie erwartet haben und wovor sie so eindringlich gewarnt wurden – der Antisemitismus erscheint in Szenen wie diesen als eine "self-fulfilling prohecy". Der anscheinend allgegenwärtige Antisemitismus erscheint nicht nur hier, sondern auch in verschiedenen Aussagen wie jener eines orthodoxen Rabbis vor allem als identitätsstiftendes Moment, der nicht nur die Antisemiten und Nazis, sondern vor allem die Juden selbst – seien sie nun religiös orientiert oder nicht – weltweit eint.

Antisemiten selbst findet man in diesem Film wenig, eher beiläufig entwickelt sich ein Gespräch mit Afroamerikanern in Crown Heights in diese Richtung, als plötzlich einer der Passanten, der bis dahin eine bemerkenswerte reflektierte Sicht des Zusammenlebens zwischen Farbigen und Juden in New York vertrat, plötzlich aus der üblen antisemitischen Hetzschrift Buch der Weisen von Zion zitiert. Doch um solche Fakten geht es in Defamation weniger, sondern viel eher um die verschiedenen Gruppen und Meinungen, die sich mit dem Antisemitismus beschäftigen, es geht um den Umgang mit der historischen Realität des Holocaust und wie man als Betroffener mit solch einer unfassbaren Monströsität überhaupt lebt kann.

Yoav Shamirs Film lebt von der Kontroverse, vom Streit um die Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus, der zwischen Männern wie Abe Foxman, dem Vorsitzenden der ADL und streitbaren Journalisten und Autoren wie Norman Finkelstein (Die Holocaust-Industrie) und Mearsheimer/Walt (Die Israel-Lobby) in aller Verbissenheit ausgetragen wird. Vor allem Foxman und Finkelstein erscheinen hier als unerbittliche Gegner, deren Unversöhnlichkeit gleichermaßen erhellend wie verwirrend ist.

Antworten oder Lösungen für den "ältesten Hass der Welt" sucht man in Defamation vergebens – vermutlich deshalb, weil es kein Gegengift gegen die Seuche des Antisemitismus gibt. Dennoch ist Yoav Shamirs Film ein außerordentlich mutiges und kämpferisches Werk – weil er nicht aufhört zu hinterfragen. Weil er nicht urteilt, sondern das Urteilen und Verurteilen seinen Gesprächspartnern überlässt. Auf diese Weise wird vor allem eines klar: Wie viel Hass, Unversöhnlichkeit und Machtinteressen, wie viele persönliche Verletzungen und Traumata sich hinter dem Umgang mit dem Antisemitismus verbergen.

Dabei geht er sehenden Auges das Risiko ein, in seinen Intentionen gründlich missverstanden oder gar funktionalisiert zu werden – was man in manchen Rezensionen des Films durchaus nachvollziehen kann. Kein Wunder also, dass sich nach dem Film Unmut über die Darstellungsweise Shamirs regte – ausgerechnet die ADL, die ihn während der Dreharbeiten unterstützt hatte, warf ihm anschließend Verharmlosung des Holocaust und des Antisemitismus vor. Womit sich für den Regisseur der Kreis wieder schließen dürfte nach jenen Vorwürfen, die einst die Ausstrahlung seines Films Checkpoint begleitet haben.

Was bei all der leidenschaftlichen Diskussion um die Herangehensweise und das Thema selbst nur allzu leicht übersehen wird, ist die Botschaft, die Shamir am Ende des Films bereit hält: "Als ich die schlafenden Kinder (im Bus) betrachtete, dachte ich, dass so viel Überbetonung der Vergangenheit, so schrecklich sie auch gewesen sein mag, uns blockiert. Vielleicht ist es nun an der Zeit, in der Gegenwart zu leben und in die Zukunft zu blicken." Diese Worte sind es wert, dass man sich mit ihnen vollkommen ergebnisoffen auseinandersetzt. Und dazu lädt Defamation bei aller Ambivalenz durchaus überzeugend ein. Auch wenn am Ende das Gefühl bleibt, dass in dieser Sache längst noch nicht alles gesagt sei.

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Der Impuls zu Yoav Shamirs filmischer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus geht zurück auf den letzten Film des Regisseurs. In "Checkpoint" (2003) hatte der Filmemacher in niemals wertenden, sondern betont nüchternen Bildern den ebenso banalen wie grausamen Alltag an den schwer bewachten Grenzkontrollposten Israels gezeigt und sich daraufhin von einem jüdischen Journalisten in den USA den Vorwurf eingehandelt, er sei ebenso ein Antisemit wie Mel Gibson.
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