Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr (2017)

Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr (2017)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Mama ist die Beste!

Michel ist teilnahmslos. Er liebt seine Mutter. Er liebt seine Freundin. Aber er ist in sich gekehrt. Weil die Mutter krebskrank ist. Und er mit sich und seinem Leben hadert. Zwischen liebevoller Hingabe, Apathie und Selbstdemütigung projiziert Michel immer mehr das Leiden um ihn herum auf sich selbst. Und spürt einen Knoten in seiner Brust. Irgendwann fallen ihm sogar die Haare aus … Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr!, das Langfilmdebüt von Xavier Seron, ist eine originelle Variante des Slacker-Films – und wartet mit einigen grandiosen Inszenierungsideen auf.

Es gibt nicht sehr viele Koordinaten, innerhalb deren Michel sein Leben fristet. Da ist Mama, sind ihre Katzen, ist der Sekt, den sie dauernd trinkt. Da ist seine Freundin, labil und anhänglich. Da ist Michels Freund und Kollege aus dem Elektromarkt. Da sind die gelegentlichen Filmjobs, bei denen Michel als Statist, sprich: als Leiche mitmacht. Kurz: Brüste und Sterben bestimmen sein Leben. Mama hat Brustkrebs. Seine Freundin tastet er ab und zu ab. Mit dem Kollegen spielt Michel immer wieder kindliche Spiele – ein Tänzchen im Elektromarkt, ein Fußballspiel im Garten: Das lässt den Tod fern erscheinen. Und diese feste Stelle in der eigenen Brust …! Brüste sind hier nicht Erotisches. Sie sind Mahnmale der Endlichkeit.

Die Mama ist schuld, sagt Michels Off-Stimme am Anfang. Sie hat ihn geboren. Der Papa, der hat eine Entschuldigung: Die Frau Mama habe sich halt nie so richtig für Sodomie erwärmen können … Es ist ein grausiger Witz, den Xavier Seron von Beginn an etabliert: Ein Witz der Resignation, der Depression, Galgenhumor. Ein Witz, der immer wieder aus den Figuren spricht – vor allem aber aus der Mise en Scène. Die Kamera, die aus ironischer Distanz alles beobachtet. Das Arrangement der Bilder, das immer wieder irgendwo etwas Absurdes hinzufügt. Die Handlung, die das Selbstmitleid der Protagonisten in diversen höchst bizarren Episoden ausweidet, die Michel miterlebt, miterleben muss.

Immer wieder gibt es derartige Downer-Komödien; im Skandinavischen, mit Kaurismäki als Meister; im Französisch-Belgischen, beispielsweise mit dem Duo Kervern/Delépine. Verschrobene Charaktere, die sich durch ihr verschrobenes Leben schieben, inszeniert als bizarre Choreographie … Wobei der Film sich nicht über die Figuren lustig macht. Im Gegenteil: Er nimmt sie alle – und ihre Befindlichkeiten – vollkommen ernst. So ernst, dass er das Absurde herausschälen kann, ohne sie zu verraten. Ist Michel einfach ein Slacker – oder wurde er von den Umständen zu einem gemacht?

Einmal hauen Michel und seine Mama ab. Kurzurlaub am Strand. Von den Liegestühlen aus sehen sie das Meer – und ein enormes Baufahrzeug, das von rechts nach links übers Panorama fährt. Von hinten nähern sich zwei Menschen in ABC-Schutzanzügen, sie sprechen flämisch, der Strand ist kontaminiert, bitte abhauen. Im Wartezimmer eines Arztes trifft Michel auf einen alten Herrn, der seiner Frau ihre Krebserkrankung verschweigt. Sie denkt, sie sei erkältet. Ist das nicht witzig? Der arme Mann, er will so sehr seinen Stolz und seine Männlichkeit halten und ist so traurig, innerlich … In der Umkleidekabine lässt sich Michel seine Brust von drei halbnackten Männern abtasten, eine halbschwule Diagnostikorgie. Und einfach grandios, wie das Kassenband eines Supermarktes, das Piepen beim Barcodeablesen zur Sterbemetapher werden …!

Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr (2017)

Michel ist teilnahmslos. Er liebt seine Mutter. Er liebt seine Freundin. Aber er ist in sich gekehrt. Weil die Mutter krebskrank ist. Und er mit sich und seinem Leben hadert. Zwischen liebevoller Hingabe, Apathie und Selbstdemütigung projiziert Michel immer mehr das Leiden um ihn herum auf sich selbst.

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