Dear Wendy

Dear Wendy

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Happiness is a warm gun

Das ist wohl einzigartig in der Historie der Vereinigten Staaten: Ein pazifistischer Waffenclub. Aber ist happiness a warm gun? Der Titel, ein Kosekürzel für eine bestimmte kleine Doppellauf-Wumme beginnt mit einem Abschiedsbrief Dicks (Jamie Bell) an seine doch recht ungewöhnliche Geliebte, in dem die ganze skurrile Love-Story noch einmal erhellt wird: Alles dreht sich um eine oxydierte, in die Jahre gekommene Pistole, die beim eher pazifistischen, pubertierenden Jungen ungeahnte Emotionen auslöst. Als auch noch sein Kumpel Stevie (Marc Webber) ebenfalls Interesse an der scharfen Sache gesteht, scheint der Grundstein für die "Dandies" – eine bunte Gruppierung von Outsidern, die sich in einem stillgelegten Bergwerk zusammenfinden, um die Feinmechanik, Handhabung und Wirkung von Waffen zu ergründen – gelegt. Da rotten sich beispielsweise die flachbrüstige Susan (Allison Pill) oder der verschwiegene Stevie (Marc Webber), zusammen, insgesamt sechs Protagonisten, denen das Tragen einer unsichtbaren Schusswaffe immer größeres Selbstbewusstsein vermittelt. Das oberste Gesetz lautet: "Es wird nicht auf Menschen geschossen!"….
Keine Frage, das Gemeinschaftswerk der beiden Dogma-95-Gründer Thomas Vinterberg (Festen) und Lars von Trier (Element of Crime, Dogville) gehört zu jenen Filmepen, die man entweder verehrt oder abgrundtief verachtet. Teils sehr realistisch, teils theatralisch-synthetisch. Auf jeden Fall wird hier der Zuschauer mit einer bizarren Sicht von Waffenliebe konfrontiert, die für die US-Baller-Memntalität mehr als ungewöhnlich ist. Die Dreharbeiten fanden in einer alten Militärbasis nahe Kopenhagen und teilweise in dem moribunden Ambiente einer stillgelegten Ruhrgebietszeche statt. Für die musikalische Untermalung dieses postveristischen Dramas zeichnete die kultige britische Band "The Zombies" Verantwortung.

Dear Wendy zeichnet sich durch eine sachliche Radikalität aus, die man von beiden Regisseuren gewohnt ist. Gerade durch die Sympathie und dem den Jungendlichen entgegengebrachten Verständnis, wirkt dieses ungewöhnliche Werk auf eine heilsame Art verstörend. Weniger verwirrend die kollidierende Film-Handschrift der Macher: Man kennt Lars von Triers Faible für Voice-Over und Rahmenhandlungen, Präzision und Systematik. Und auch dieser treffende Streifen, für den er das Drehbuch schrieb, ist ein Zelluloid-Produkt aus der trostlosen Trier-Maschinerie. Damit assimiliert er Thomas’ Vinrterbergs intuitiv-realistische (Hand)-Kamera mit ihrer Vorliebe zum Experimentellen. Fazit: Ein durchdringender, durchgeknallter Film der sich mit seinen eindringlichen Bildern ins Gedächtnis brennt.

Die Wandlung vom unscheinbaren Paulus zum feuernden Saulus, wird zwar allmählich angedeutet, doch das verheerende, blutige und desolate Ende überrascht doch ein wenig, weil die selbstauferlegten Gesetzmäßigkeiten der "Dandies" zwar cool und enervierend dargestellt sind, jedoch keiner Logik mehr bedürfen. Die letztliche Legitimation ist somit nicht kugelsicher. Und auch das eigene Universum der Heranwachsenden mit ihren Riten und Maskierungen bietet wenig Gründe für diese desaströse Eskalation.

Dear Wendy
gehört nicht zu jenen Produktionen, die mit HD-Kameras aufgenommen werden müssen, das Bild reicht für diesen auf strengen Realismus ausgerichteten Film völlig aus. Schärfe und Kontrast verhalten sich ähnlich, gut, aber weit von sehr gut entfernt. Unschärfen sind nicht zu erkennen. Wie schon erwähnt, arbeitet Lars von Trier sehr gerne mit Voice-Over. Es ist ein epischer, kein effektreicher Film, der einen gut verständlichen Dialog-Klang aus dem Center bietet. Die DTS-Tonspur ist qualitativ im oberen Bereich. Insgesamt gesehen, kann der User mehr als zufrieden sein, zumal dieses sehr spezielle Werk letztlich auf ausgefeilte Filmtechnik pfeift.

Das frugale Bonusmaterial muß nicht den sehr guten Gesamteindruck der DVD trüben; es gibt lediglich zahlreiche Trailer: Making Of und Interviews fehlen. Das mag manchem zu wenig erscheinen, aber der eingefleischte Vinterberg/Trier-Freak wird sich gerne damit begnügen.Weniger ist eh bei diesem Regie-Duo mehr.

Alles in allem eine gelungene DVD-Umsetzung, die bei eingefahrenen Fans in der Schrankwand nicht fehlen darf. Es ist kein Movie für die großen Wände in der Videothek, aber das wurde auch von Anfang an nicht so angedacht. Eher ein spezielles Filmchen für Kaurismäki-Fans in Westernversion. Kenner und Liebhaber sind mit dem Verleih- und Kauf dieser unscheinbaren Vakuum-Dynamit-DVD sehr gut beraten.

Dear Wendy

Es könnte der Traum einiger Einzelgänger oder so genannter Außenseiter sein, eine Gefolgschaft getreuer Gesellen zu einer geheimen Gang zu gruppieren, deren selbst erwählte Gesetze höchste ästhetische und moralische Ansprüche erheben.
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Meinungen
stefan · 13.10.2005

spannend und tiefsinnig inszeniertes werk.

mightyEkk · 08.10.2005

Sehr schöner Film jenseits de Mainstreams. Die Dramatik wirkt fast schon ein bißchen surrealistisch und das Ende ist dann doch etwas unerwartet. Ich mag diese Filme mit hinterher-in-der-Kneipe-interpretier-Potential.
Für leute, die mal wieder einen Film jenseits der klassischen "mußte-im-Kino-gesehen-haben" effekte schauen wollen auf jeden Fall sehenswert.
Volle punktzahl von mir!

laura · 07.10.2005

toller film, ziemlich heftig...
bedrückendes gefühl nach dem kino besuch

Chris · 04.10.2005

Ihr seit doch alle gekauft und recherieren könnt ihr auch nicht...ja die Band The Zombies hat wirklich einen gewissen Kultstatus, ist sie doch bereits 1963 gegründet worden und laut Tom Petty einer der Besten...

Kommentare

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