Das Zimmer im Spiegel

Das Zimmer im Spiegel

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Die Fantasie bleibt frei

Wie fühlt es sich an, wenn man sich monatelang in einem Zimmer verstecken muss? Das weiß man eigentlich erst, wenn man es erlebt hat. Oder man geht ins Kino: Regisseur Rudi Gaul hat das Experiment gewagt, die Ängste, Fantasien und Wahrnehmungsstörungen einer Eingesperrten zu erkunden. Herausgekommen ist ein radikal subjektiver, in seiner Bildsprache beeindruckender Film.
Um das besondere Anliegen des jungen Filmemachers zu verstehen, muss man seine Arbeit mit anderen Filmen zum selben Thema vergleichen. Meist wird nämlich das Sich-Verstecken-Müssen von außen beschrieben, sozusagen aus der Vogelperspektive. Etwa in Ulla Wagners Die Entdeckung der Currywurst. Wir sehen hier dem Deserteur zu, wie er sich die Zeit vertreibt, wir sehen sein Leiden, seine Sehnsüchte, seine wechselnden Gemütszustände. Aber wir sehen mit unseren Augen auf ihn und auf seine Welt. In Das Zimmer im Spiegel sehen wir die Umgebung nur mit den Augen der Protagonistin. Wir haben keinerlei äußeren Standpunkt mehr, von dem aus wir unsere Sicht der Dinge von der Blickfärbung der Eingesperrten zu unterscheiden wüssten. Das Zimmer ist von vornherein eine subjektive Realität. Wir sehen es ausschließlich so, wie es die Filmfigur erlebt.

Die heißt Luisa (Kirstin Fischer) und ist eine jüdische Ärztin in der Nazi-Zeit. Um sie vor der Gestapo zu verstecken, hat ihr Mann Karl sie in einer leer stehenden, ziemlich heruntergekommenen Mansarde untergebracht. Am Anfang kommt Karl einigermaßen regelmäßig, um sie mit Essen, mit Büchern und manchmal sogar mit etwas Luxus zu versorgen. Doch plötzlich bleiben Karls Besuche aus. Es vergeht eine quälende Zeit, in der Luisas Angst überhand zu nehmen droht, ihr die Kontrolle über ihre Gefühle mehr und mehr entgleitet.

Dann taucht irgendwann die mondäne, glamouröse Judith (Eva Wittenzellner) auf. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt bleibt offen, ob Luisa das, was nun passiert, tatsächlich erlebt oder nur in der Fantasie. Eigentlich ist diese Frage auch unerheblich. Wir sehen auf der Leinwand immer nur das, was Luisa in ihrem Changieren zwischen Realitätsflucht und Realitätstüchtigkeit subjektiv wahrnimmt.

Regisseur Rudi Gaul führt uns behutsam an dieses Verschwimmen heran, verankert es sozusagen in real nachvollziehbaren Erfahrungen. Ist es nicht tatsächlich so, dass wir ein Klopfen an der Tür nicht hundertprozentig zuordnen können, wenn wir vor diesem Klopfen Todesangst haben? Und kann uns ein Roman nicht tatsächlich von einer schrecklichen Realität ablenken, sodass wir zeitweise in eine andere Welt abtauchen? Luisa jedenfalls erlebt mit der Ankunft von Judith zunehmend schöne Dinge – sinnlich verwirrende, erotisch anziehende und bereichernd freizügige Erfahrungen.

Das gibt Rudi Gaul auf der Bildebene Gelegenheit, seiner Verehrung für David Lynch zu frönen, so wie er zuvor Elemente des expressionistischen Stummfilms und des fantastischen Films zitiert hatte. Daraus formt er eine eigene Handschrift und eine visuelle Sprache jenseits erzählerischer oder logischer Strukturen. Das verlangt vom Zuschauer ein Sich-Einlassen auf die Eigenheiten des Traums, auf den Strom des Unbewussten mit seinen Sprüngen, Widersprüchen und Ungereimtheiten. Wer sich aber von vornherein auf diese andere "Logik" einstellt und genügend Muße mitbringt, wird sich von der Macht der Bilder tragen lassen. Und es möglicherweise in besonderer Weise würdigen, dass Rudi Gaul, sein Team und seine Produzenten diese visuelle Schwelgerei mit nur 50.000 Euro auf die Leinwand brachten. Der Quereinsteiger (Jahrgangs 1982) und seine Freunde haben alles mit privatem Geld und Sponsoren finanziert. Auch unter diesem Aspekt: Experiment gelungen.

Das Zimmer im Spiegel

Wie fühlt es sich an, wenn man sich monatelang in einem Zimmer verstecken muss? Das weiß man eigentlich erst, wenn man es erlebt hat. Oder man geht ins Kino: Regisseur Rudi Gaul hat das Experiment gewagt, die Ängste, Fantasien und Wahrnehmungsstörungen einer Eingesperrten zu erkunden. Herausgekommen ist ein radikal subjektiver, in seiner Bildsprache beeindruckender Film.
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