Das traurige Leben der Gloria S.

Das traurige Leben der Gloria S.

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Wieder mal pleite – für die leider nur mittelmäßig talentierte Schauspielerin Gloria Schneider (Christine Groß, eine der beiden Regisseurinnen) aus Berlin ist das schon beinahe ein Dauerzustand. Mühsam hält sie sich mit Auftritten in kleinen Off-Theatern über Wasser und bekommt, wenn sie mal wieder einen Vorschuss benötigt, voller Ernst ihren Anteil von 7,20 Euro in die Hand gedrückt. Kein Wunder, dass sie eines Abends übermüdet und gereizt nach Hause zurückkehrt und die Schlösser ihrer Wohnung ausgetauscht vorfindet – schließlich hat sie seit Monaten die Miete nicht bezahlt. Und nun steht sie da, vor verschlossenen Türen und muss zu ihrer Freundin fliehen, die sie bei sich aufnimmt, bis auch da binnen kurzer Zeit der Haussegen schief hängt.
Doch auch wer vermeintlich erfolgreicher ist, ist deshalb noch lange nicht glücklicher. Davon kann die Regisseurin Charlotte Weiss (Nina Kronjäger) so einiges berichten. Mit Müh und Not bekommt sie einen Film fertig, bei dem jeder der Beteiligten seine eigene Agenda verfolgt und sich wenig darum schert, was die Filmemacherin eigentlich will, die ihrerseits ihr Team mit kruden Anweisungen und ständig neuen Einfällen nervt. Und als dann ihr RAF-Drama bei der Premiere von einem Bekannten abgewatscht wird, steht der Regisseurin der Sinn nach dem echten Leben und nach einem Dokumentarfilm über den harten Überlebenskampf von Frauen, die mit HartzIV auskommen müssen. Weil Charlotte aber in ihrem Elfenbeinturm keinerlei Ahnung hat, wie das "echte Leben" solcher Frauen aussieht und wo man diese antrifft, veranstaltet sie ein Casting, bei dem (natürlich) die professionelle Schauspielerin Charlotte mit einer sagenhaften Lügengeschichte die "echten" Frauen aussticht. Dies ist der Auftakt zu Dreharbeiten, die schnell aus dem Ruder laufen...

Zu Zeiten, in denen sich ernsthaft jemand über die "scripted reality" des Nachmittags- und Abendprogramms bei diversen Privatsendern wundert, bzw. sich darüber mokiert, ist b]Das traurige Leben der Gloria S. längst schon einen Riesenschritt weiter und hält der Selbstbezogenheit und Blindheit der Filmszene (nicht nur jener in der Hauptstadt) den Narrenspiegel vor. Dass die beiden Filmemacherinnen Christina Groß und Ute Schall die Wechselbäder des freischaffenden Kulturlebens zwischen Film und kleinen Theaterproduktionen zu Genüge kennen und genau wissen, wovon sie erzählen, daran besteht angesichts der punktgenauen Dialoge und liebevoll überzeichneten Charakterstudien von Egomanen und Überspannten kein Zweifel. Außerdem knüpft der Film nahtlos an den Vorgänger Ich muss mich künstlerisch gesehen regenerieren (2010) an und stellt im Prinzip eine Langfassung dieses kürzeren Werkes dar. Darüber kann man trotz (oder wegen) der lustvoll zelebrierten Trash-Attitüde, die bisweilen an die frühen Filme Rosa von Praunheims erinnert, an einigen Stellen herzlich lachen. Und vermutlich tut man dies dann besonders heftig, wenn man selbst zu der Szene gehört, die der Film beschreibt.

Dennoch ist Das traurige Leben der Gloria S. nicht nur eine Komödie geworden, sondern auch ein Lehrstück darüber, wie es um den deutschen Film und die Hauptstadtkultur am Rande der prachtvollen Premieren aussieht – und das ist wahrhaftig nur selten komisch. Man sei halt "arm, aber sexy" – mit diesen Worten des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, die mittlerweile zum Mantra der Kulturschaffenden Berlins geworden sind, die über so manche Durststrecke und viele Frustrationen hinweghelfen sollen, hat b]Das traurige Leben der Gloria S. nur wenig zu tun. Sondern vielmehr damit, dass diese ganz spezielle Mischung aus Verzweiflung und Ich-Bezogenheit, aus Größenwahn, Depression und Prekariat manchmal seltsame Blüten treiben lässt. Wenn es gelänge, diese ganz eigene Rezeptur in den einen oder anderen Film hineinzuretten, dann wäre das deutsche Kino vermutlich weniger langweilig und steif. Na ja, man wird ja noch träumen dürfen...

Das traurige Leben der Gloria S.

Wieder mal pleite – für die leider nur mittelmäßig talentierte Schauspielerin Gloria Schneider (Christine Groß, eine der beiden Regisseurinnen) aus Berlin ist das schon beinahe ein Dauerzustand. Mühsam hält sie sich mit Auftritten in kleinen Off-Theatern über Wasser und bekommt, wenn sie mal wieder einen Vorschuss benötigt, voller Ernst ihren Anteil von 7,20 Euro in die Hand gedrückt.
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Meinungen
filmfatzke · 17.01.2012

Unbedingt reingehen! Das ist doch mal eine schräge Komödie!!!

Jan · 11.01.2012

Sehr sehr lustiger Film. Irgendwie Underground und fast schon Kult. Mehr solche deutschen Filme bitte. Ich habe viel gelacht.

Kommentare

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