Das schreckliche Mädchen

Das schreckliche Mädchen

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Vom Pfilzinger Filz

Keineswegs ein schreckliches Mädchen ist die kluge, wache und recht unspektakuläre Sonja (Lena Stolze), die mit ihrer Familie im beschaulichen Städtchen Pfilzing lebt. Das ändert sich allerdings aus dem Blickwinkel der Gemeinde heraus drastisch, als Sonja sich im Rahmen eines Aufsatzwettbewerbs, den sie zum Stolze aller Pfilzinger zuvor bereits ein Mal gewann, intensiv für die Vergangenheit der Stadt zur Zeit des Nationalsozialismus zu interessieren beginnt. Auf diesem Terrain, das merkt die offen und energisch insistierende Schülerin rasch, sind die sonst zuvorkommenden Bürger ihrer Heimatstadt empfindlich und verschlossen, und so lässt sie das Thema und den Wettbewerb ruhen.

Doch die Geschichte lässt ihr keine Ruhe, nur zu gern würde sie den Pfilzinger Widerstand gegen die Nazis lobend erwähnen, so dass sie das heiße Eisen als Studentin erneut anpackt. Dieses Mal schlägt ihr eine noch größere Feindseligkeit entgegen, von der sie sich nun aber nicht mehr ins Bockshorn jagen lässt, denn mittlerweile ist Sonja eine erwachsene Frau, hat den ehemaligen Refenrendar Martin (Robert Giggenbach) geheiratet, zwei Kinder bekommen und kann sich auf den Rückhalt ihrer unerschrockenen Großmutter (Elisabeth Bertram) und ihrer Eltern (Monika Baumgartner, Michael Gahr) verlassen, die sich zunehmend an der Recherche beteiligen, die als Buch erscheinen soll. Doch die Pfilzinger sträuben sich heftig und gehen gar zu Drohgebärden und tätlichen Angriffen über, um die Chronik ihrer Stadt von 1933 bis 1945 im Dunkeln zu belassen. Aber nun will Sonja die verborgene Wahrheit umso hartnäckiger ans Licht bringen und zeigt sich dabei ebenso einfallsreich wie kämpferisch ...

Das schreckliche Mädchen von Michael Verhoeven (Mutters Courage, 1995, Menschliches Versagen, 2008) ist bei aller Ernsthaftigkeit der Thematik um Zivilcourage und tabuisierte NS-Vergangenheit eine immer wieder überraschend humoristische Satire mit pfiffigen Kontrasten und witzigen Gestaltungsideen. Die Geschichte beruht auf den tatsächlichen Erlebnissen der Schriftstellerin Anja Rosmus in ihrer Heimatstadt Passau, die den Regisseur und Drehbuchautoren zu diesem ganz hervorragend gelungenen Film inspirierten, der allerdings einige Varianten zum authentischen Geschehen installiert hat. 1991 wurde Das schreckliche Mädchen als Bester Fremdsprachiger Film für einen Oscar nominiert, gewann 1992 einen BAFTA Award und unter anderem einen Silbernen Bären der Berlinale im Jahre 1990, wo er uraufgeführt wurde. So harmlos-harmonisch die Geschichte beginnt, so unvermittelt erstarrt endet sie, und dazwischen liefert sie innerhalb eines lebhaften, reflektierenden Erzählstils beste Unterhaltung gewürzt mit filigranen bis wuchtigen Running Gags und beißenden Zynismus, der daran gemahnt, mit welch banal erscheinender Biederkeit kostümiert das Verschweigen großen Unrechts bisweilen daherkommt – aber auch, wie mutig sich eine zuvor stets um gesellschaftliche Anpassung bemühte Familie gegen das Bollwerk sozialer Verschwörung aufzulehnen vermag. Unbedingt sehenswert!
 

Das schreckliche Mädchen

Keineswegs ein schreckliches Mädchen ist die kluge, wache und recht unspektakuläre Sonja (Lena Stolze), die mit ihrer Familie im beschaulichen Städtchen Pfilzing lebt.

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