Das schlafende Kind

Das schlafende Kind

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das Dorf ohne Männer

Zeinab (Mounia Osfour) hat gerade ihre Hochzeit gefeiert, da bricht ihr Mann Hassan zusammen mit anderen Bewohnern des Dorfes im Nordosten Marokkos nach Europa auf, um dort Arbeit zu finden. Mit dem verdienten Geld wollen die Männer ihre Familien in der Heimat unterstützen, damit diese es einmal besser haben, die Frauen bleiben alleine zurück, voller Sehnsucht. Bereits kurz nach der Abreise ihres Gatten merkt Zeinab, dass sie ein Kind erwartet. Auf Drängen ihrer Mutter beschließt die junge Frau, den Fötus mittels uralter Praktiken in einen Schlafzustand zu versetzen, damit das Kind erst dann zur Welt kommt, wenn sein Vater wieder zuhause ist. In den strengen Strukturen des Dorfes wagt es allein Zeinabs Freundin Halima (Rachida Brakni) gegen die Macht der Alten aufzubegehren. Als die Zeit unerträglich lang wird, schicken Halima und Zeinab schließlich Videobotschaften – die einzige Kommunikationsform, denn die beiden Frauen sind Analphabetinnen – an ihre Männer im fernen Spanien, in denen sie diese bitten, doch schnell zurückzukehren. Es eine zermürbende Zeit des Wartens: Auf die Rückkehr der Männer, an die Hoffnungen und Wünsche geknüpft sind, auf die Geburt des Kindes, auf eine bessere Zukunft…

Das Schlafende Kind / L’Enfant Endormi ist Yasmine Kassari erster Spielfilm, nachdem sie 1999 mit Quand les Hommes Pleurent bereits einen Dokumentarfilm über Trennung gedreht hatte, bei dem freilich die Männer, die im spanischen Arbeitsexil leben, im Mittelpunkt ihres Interesses standen. Aus diesem Film heraus entstand auch die Idee zu Das Schlafende Kind / L’Enfant Endormi, denn was ist mit den Frauen, die die Männer zurücklassen? Wie werden sie mit der Situation fertig? Sie greift dabei auf einen Jahrhunderte alten Mythos zurück, der wie kaum ein zweiter den Zustand des Wartens und der inneren Lähmung versinnbildlicht: „Was mich interessiert, ist weniger die soziologische oder anthropologische Lektüre des Mythos als vielmehr sein metaphorischer Gehalt“, so schreibt die Regisseurin im Presseheft zum Film. Yasmine Kassaris Film lebt vor allem von der betörend-schönen Kameraarbeit von Giorgios Arvanitis, der bereits für Theo Angelopoulos und Catherine Breillat arbeitete, selten war Armut, Sehnsucht und Hoffnung in so farbintensiven, eindrucksvollen und niemals beschönigenden, aber stets ästhetischen Bildern zu sehen. Dass der Film sich nicht in seinen Bildern verliert, ist vor allem dem starken Fokus auf die Hauptdarstellerinnen zu verdanken, die bis auf Rachida Brakni noch nie vor einer Kamera gestanden haben. Um so beeindruckender ist ihr Spiel, das dem Film eine beinahe dokumentarische Qualität gibt.
 

Das schlafende Kind

Zeinab (Mounia Osfour) hat gerade ihre Hochzeit gefeiert, da bricht ihr Mann Hassan zusammen mit anderen Bewohnern des Dorfes im Nordosten Marokkos nach Europa auf, um dort Arbeit zu finden.

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