Das Reichsorchester - Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

Das Reichsorchester - Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das dunkle Kapitel eines weltberühmten Klangkörpers

In diesem Jahr feiert eines der berühmtesten Orchester der Welt seinen 125. Geburtstag – die Rede ist von den Berliner Philharmonikern, die als unumstrittene Größe in der Welt der klassischen Musik gelten. Und was läge anlässlich eines solchen Jubiläums näher, als die eigene Geschichte noch einmal kritisch Revue passieren zu lassen? Im Falle einer deutschen Institution wie dem berühmten Klangkörper aus Berlin ist das allerdings gar nicht so einfach, denn die Last des Nationalsozialismus wiegt schwer. Und so sind es vor allem jene 12 Jahre zwischen 1933 und 1945, die kritische Fragen herausfordern. Eine Tendenz, die sich immer wieder beobachten lässt; gerade so, als sei die Zeit des Nationalsozialismus eine isolierte, ohne Faktoren im Vorfeld und Auswirkungen in der Zeit. Dies ist allerdings eher ein generelles Problem der filmischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus als eines des Filmes von Enrique Sánchez Lansch (Rhythm Is It!). In seiner neuen Dokumentation Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus untersucht der Filmemacher die vielfältigen Verstrickungen des Orchesters und zeigt exemplarisch, welchen Weg zwischen Anpassung, Unterbiederung und offener Unterstützung nahezu alle deutschen Institutionen nach der Machtergreifung gingen.
Im Mittelpunkt des Films stehen das Orchester und die Menschen, die es formten – es geht also nicht nur um das Kollektiv, sondern auch um die Einzelschicksale, die sich dahinter verbergen. Vielleicht ist es ja gerade das, was den besonderen Reiz dieser Untersuchung ausmacht und was sie zu einem Sinnbild für Kollektivchuld und Verantwortung des Einzelnen werden lässt. Denn während sich bisherige Auseinandersetzungen mit dem Thema stets mit der Causa des Chefdirigenten Wilhelm Furtwängler auseinander setzten, gerieten vor diesem Hintergrund die Verbindungen und Vereinnahmungen des gesamten Ensembles meist in Vergessenheit. Enrique Sánchez Lansch hat anhand von noch lebenden Zeitzeugen und einer Unmenge von zum Teil bislang noch nicht veröffentlichtem Archivmaterial einen mehr als interessanten Blick unter die Glasglocke des Orchesters gewagt, das der Nähe zur Macht nicht widerstehen konnte und – wie viele andere Deutsche auch – sich den Machthabern bedingungslos andiente. Noch zu Beginn hatte das stets autarke und wirtschaftlich unabhängige Orchester vor dem finanziellen Kollaps gestanden, so dass sich nach der Machtübernahme kaum jemand dagegen wehrte, als die Philharmoniker direkt dem Propaganda-Ministerium von Joseph Goebbels unterstellt wurden; auch das durchaus eine Parallele zu Deutschland, das – geschwächt durch Finanzkrisen, Inflation und Massenarbeitslosigkeit – unter den Einfluss der verhängnisvollen Ideologie der Nationalsozialisten geriet. Doch die Rettung hatte ihren Preis: Unter Goebbels’ Einfluss wandelte sich das Orchester zusehends zum Vorzeige-Kulturgut des „neuen Deutschland“ – nachdem der Klangkörper „arisiert“ worden war und jüdische Musik hinausgedrängt worden waren: So spielten die Berliner Philharmoniker auf den Reichsparteitagen in Nürnberg ebenso wie bei den Olympischen Spielen 1936. Und oft genug nutzten Hitler und Goebbels die Gelegenheit, ihre Reden direkt vom Orchesterpodium aus zu halten. Widerstand fand sich kaum in den Reihen der Musiker – im Gegenteil: Zahlreiche Musiker traten in die NSDAP ein, aus der Atmosphäre des vertrauensvollen Miteinander wurde ein Orchester, das sich gegenseitig belauerte und bespitzelte – der ganz normale Alltag in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Und es gelang zu keinem Zeitpunkt der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft, sich auch nur annähernd aus dem Würgegriff der Politik zu befreien. Umso erstaunlicher, wie unbeschadet die Philharmoniker aus dieser verhängnisvollen Zeit hervorgingen – denn das erste Konzert fand bereits im Jahre Null statt, was durchaus ein Hinweis darauf sein mag, wie wenig man sich damals der eigenen Verstrickung widmete. Insofern ist es beinahe zu bedauern, dass dieser Film so lange auf sich hat warten lassen.

Das Reichsorchester - Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

In diesem Jahr feiert eines der berühmtesten Orchester der Welt seinen 125. Geburtstag – die Rede ist von den Berliner Philharmonikern, die als unumstrittene Größe in der Welt der klassischen Musik gelten.
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