Das letzte Land (2019)

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Zwei Männer, ein Raumschiffwrack und die Urfragen des Science-Fiction-Genres: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Mehr braucht es nicht in Marcel Barions hoch ambitioniertem Do-it-Yourself-Projekt "Das letzte Land", das er seit 2012 zusammen mit weiteren Mitstreitern der Uni Siegen entwickelt hat.

Das letzte Land (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Per aspera ad astra

Irgendwo auf einem fremden Planten jenseits des Sonnensystems stoßen plötzlich zwei wortkarge Männer in einem alten Raumschiff aufeinander. Der eine, Adem (Torben Föllmann), ist soeben aus dem Gefängnis ausgebrochen und scheint vor etwas zu fliehen. Der andere mit dem Namen Novak (Milan Pešl) ist gerade desertiert und versucht sich ohne Nahrung oder Wasservorräte irgendwie alleine durchzuboxen.

Kurz zuvor hat sich jeder von ihnen noch durch einen heftigen Sandsturm gekämpft, bis sie auf diesen Raumgleiter gestoßen sind. Der wiederum scheint allerdings vollkommen fluguntüchtig zu sein und gleicht insgesamt mehr einer Schrottmühle als einem unerwarteten Hilfsmittel zur weiteren Flucht. 

Trotzdem gelingt es ihnen, das gestrandete Raumschiff wenigstens für einen letzten Flug startklar zu machen. Kabel und Drähte werden gesucht und neu miteinander verbunden. Dazu raucht und zischt und dampft es in Marcel Barions sehenswertem Do-it-Yourself-Science-Fiction-Abenteuer Das letzte Land immer wieder Mal im Hintergrund. Diese maschinenhafte Welt scheint trotz zukunftsträchtiger Umgebung weiterhin seltsam analog zu sein: Die Steuertasten blinken wie in einem Computerspiel aus den 1980ern und die Overalls der beiden Männer scheinen einem merkwürdig vertraut zu sein. 

Sie wecken wie so vieles in dieser hoch ambitioniertem Weltraumodyssee made in germany quasi sequenzweise filmische Assoziationen zu Klassikern des Sci-Fi-Genrekinos wie Tarkowskis Stanislaw-Lem-Adaption Solaris, Zulawskis Der silberne Planet oder Ridley Scotts „Nostromo“-Crew aus Alien. Und dann brechen die beiden Männer, die selbst wie ihr dreckig-rauchendes Schrottungetüm seltsam aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, auf zu ihrer unbekannten Mission. 

Nicht alleine in die Tiefen des Weltalls, sondern mindestens ebenso stark hinein in ihre eigene psychische Verfassung wie in ihre konträren Wunsch- und Traumvorstellungen, wie sich in diesem Minimum an Plot Stück für Stück herauskristallisiert. Während Adem außerdem zunehmend Interesse daran findet, die Logbucheinträge der verschwundenen – oder toten? – Crew zu studieren, wird Novak minütlich mehr in den Bann einer hypnotischen Macht gezogen. Dabei hängt scheinbar alles mit diesem unheimlichen Ton zusammen, den jeweils der gerade hören kann, der den Astronautenhelm der alten Besatzung trägt. 

Wo jenes Raumschiff herkam, in welcher Galaxie die beiden Piloten gerade unterwegs sind und was überhaupt mit der eigentlichen Mannschaft passiert ist, wird, wie in beinahe jedem guten Science-Fiction-Handlungsbogen an keiner Stille umfassend erklärt. „Wir wollten gar keine richtige Geschichte erzählen. Wir haben nur Fragen gestellt“, äußerte sich dementsprechend auch Marcel Barion bei der umjubelten Premiere seines ersten „Films für ein öffentliches Publikum.“ Seit er dreizehn Jahre alt ist, drehte der Siegener Autodidakt nämlich bereits mehrere Filme. 

Das letzte Land ist ein höchst ansehnliches Stück Genrekino aus Deutschland, das in erster Linie durch sein faszinierendes handgemachtes Szenenbild wie sein betörendes Musikdesign (Marcel Barion und Oliver Kranz) heraussticht und weniger durch markante Darsteller oder rasante Plotpoints glänzt. Stattdessen werden hier die Urfragen anspruchsvoll-intellektueller Science-Fiction-Welten verhandelt: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? 

In einem selbst gezimmerten Raumschiff, das seit 2012 und durch das Engagement vieler Freunde und Crowdfunder aus dem universitären Umfeld des Siegener Film- und Medienwissenschaftlers Marcel Barion immer weiter zum Leben erweckt wurde, und beinahe ohne übliche Griffe in die digitale Trickkiste („Die Galaxien sind im Aquarium entstanden. Die Planeten waren Pfannkuchen.“), gehört Das letzte Land schon jetzt zu den visuell interessantesten Filmen des 40. Festivals Max Ophüls Preis. 

Mit konsequentem Charme für das analoge Sci-Fi-Genre- und Ausstattungskino der 1960er bis 1980er Jahre, großer Liebe zum Detail und angetrieben durch den Feuereifer seines Machers Barion (Regie, Drehbuch, Kamera, Beleuchtung, Montage und Musik), ist der Kreativmannschaft um Johannes Bade, Philipp Bojahr und Massimo Müller mit Das letzte Land ein optisch ansprechender Debütfilm gelungen, dem die Knappheit seiner Mittel (ca. 20.000 Euro) keinesfalls anzusehen ist. 

Trotz Längen und kleinerer dramaturgischer Schwächen hat Marcel Barion („Wir sind alle keine Vollzeitfilmemacher.“) damit in der Gesamtschau einen ungemein faszinierenden Hybridfilm geschaffen, der sich aus klassischen Science-Fiction-Elementen ebenso speist wie aus verstreuten Mustern des Thrillers, Roadmovies, Gefängnis- oder Heimatfilms. In der Summe hat er das Ganze zu einer spannungsreichen, transzendental aufgeladenen Film-Melange zusammengerührt, die den Beweis antritt, dass man für clevere Sci-Fi-Geschichten keineswegs nach Hollywood schielen muss.

Das letzte Land (2019)

Zwei ungleiche Männer flüchten in einem kleinen, alten Raumschiff von einem öden Planeten und begeben sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause.

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