Das Leben ist kein Heimspiel

Das Leben ist kein Heimspiel

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

"Leckere Würste, schnelles Bier und viele Tore" – ein ganz einfacher Plan

In der Provinz ticken die Uhren anders. Alles geht ein wenig ruhiger vonstatten; es sind vor allem die Traditionen und gewachsenen Strukturen, die den Rhythmus des ländlichen Lebens prägen. Was passiert, wenn plötzlich die große Welt über solch ein idyllisches Biotop hereinbricht, das ist ein beliebter Stoff fürs Kino und eine Blaupause für unzählige Komödien. Viel seltener findet man dieses Thema im Dokumentarfilm vor – dabei bergen solche Beobachtungen durchaus einen großen Reiz in sich. Weil sie ebenso Platz bieten für Zwischenmenschliches wie auch für Schilderung all jener Konfliktfelder, die den Widerstreit von Tradition und Innovation beleuchten. In ihrem Film Das Leben ist kein Heimspiel beschäftigen sich die beiden Filmemacher Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech mit dem phänomenalen Aufstieg des badischen Provinzclubs TSG 1899 Hoffenheim in die 1. Fußball-Bundesliga. Wer nun allerdings meint, der Film sei vor allem etwas für Fußballfans, sieht sich (im positiven Sinne) getäuscht. Bei Das Leben ist kein Heimspiel geht es um viel mehr als nur um Fußball.
Wie schnell der Aufstieg Hoffenheims in den Profifußball vor sich geht, das lässt sich am besten an Thorsten „Torro“ Hartl ablesen. Der ist am Anfang, als die Kraichgauer noch in der Regionalliga Süd kicken, Präsident des ersten (und damals auch einzigen) Fanclubs der Hoffenheimer. „Torro“, das ist kaum zu überhören, stammt aus Hoffenheim, zischt gerne mal ein Bierchen oder zwei und spricht eine deutliche Sprache – geradeheraus, ohne Rücksicht auf Verluste und im unverkennbaren badischen Dialekt. Er war schon ein Fan der Blauen, als die noch in den Tiefen der verschiedenen Amateurligen herumkrebsten. Und für ihn hätten sich die Dinge nicht unbedingt so entwickeln müssen, wie sie das getan haben.

Hinter den Entwicklungen, die „Torro“ eher misstrauisch beäugt, steht vor allem ein Mann – Dietmar Hopp. Der Mitbegründer des Software-Riesen SAP spielte früher selbst bei der TSG Hoffenheim Fußball und verfolgt mit bemerkenswerter Konsequenz ein Projekt, das es so bislang in Deutschland noch nie gab. Mit gezielten Investitionen und einem überaus professionellem Management soll sein früherer Verein den Durchmarsch in die Fußball-Bundesliga schaffen und sich dort dauerhaft etablieren. Während Hopps Millionen der Treibstoff für diese ehrgeizigen Ziele sind, ist der Geschäftsführer Jürgen A. Rotthaus der Motor des Unternehmens „Fußballwunder“. Der eloquente Manager ist so ziemlich das genaue Gegenteil von „Torro“ und treibt das Projekt mit unermüdlichem Eifer voran – auch wenn er dabei immer wieder mit der Behäbigkeit der Provinz kämpfen muss.

Mit dem Voranschreiten des Projekts und dem zunehmenden Erfolg wachsen aber auch die Probleme, treten die Gegensätze zwischen Traditionalisten und Innovatoren, zwischen Leidenschaft und Marketing-Erwägungen, zwischen Kult und Kommerz immer deutlicher zu Tage. Hinzu kommen die Querelen von außen, die Neider und Spötter, die in der TSG einen Plastikclub ohne gewachsene Traditionen sehen, der allein aufgrund der millionenschweren Investitionen von Dietmar Hopp überhaupt so weit gekommen ist. Was von außen betrachtet ja durchaus stimmt, aber zugleich dann doch zu kurz greift. Denn eine Haltung wie diese würde die Machtverhältnisse in Fußball, Wirtschaft und Gesellschaft bis ans Ende der Tage festzementieren, würde keinen Platz lassen für neue Ideen und Ansätze – kurzum: für Neuerungen. Und die braucht es nicht nur im Fußball, sondern überall.

Nicht nur deswegen ist Das Leben ist kein Heimspiel weitaus mehr als „nur“ ein Film über Fußball. Zumindest steht der nicht im Zentrum des Interesses, sondern bildet sozusagen den Hintergrund für verschiedene feine Beobachtungen des Provinzlebens und verschiedener Welten, die hier in Hoffenheim aufeinanderprallen. Auf der einen Seite das beschauliche Dorfleben der 3000-Seelen-Gemeinde im Herzen des Kraichgaus, auf der anderen Seite die ehrgeizigen Pläne eines minutiös geplanten Pionierprojekts, bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde. Immer wieder prallen diese beiden Welten aufeinander und der Film tut gut daran, sich nicht für eine Seite zu entscheiden, sondern bei Gegenpolen gleichviel Bedeutung einzuräumen. Zudem finden Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech in Jürgen A. Rotthaus und Thorsten „Torro“ Hartl zwei sympathische Repräsentanten der verschiedenen Lager, die trotz oder gerade wegen ihrer Eigenheiten Sympathien wecken und den Film weit über die sture Chronologie einer unglaublichen Erfolgsgeschichte im deutschen Fußball hinausheben.

In der Zwischenzeit ist der Film bereits schon wieder Geschichte. Gerade eben erst hat der „Fußball-Professor“ Ralf Rangnick das Handtuch als Trainer geworfen, weil er über den Wechsel seines Spielers Luiz Gustavo zum großen FC Bayern erst viel zu spät unterrichtet wurde. Betrachtet man den klugen Film von Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech, kann man die neuesten Entwicklungen bei der TSG 1899 Hoffenheim plötzlich viel genauer einordnen – weil Das Leben ist kein Heimspiel auf ganz und gar unaufdringliche und dabei stets unterhaltsame Weise die komplexen Verwicklungen und gegenläufigen Tendenzen verdeutlicht, die rund um das „Fußballwunder aus dem Kraichgau“ entstanden sind. Verstehen kann man beide Seiten – und es wäre schön, wenn die Gegensätze sich mit der Zeit aneinander annähern könnten. Sonst könnte sich das Fußballwunder allem Geld zum Trotz ganz schnell als Luftnummer entpuppen, die auf Dauer nicht bestehen kann in der obersten deutschen Fußball-Liga. Ohne die Unterstützung des Fans, das wissen alle Verantwortlichen genau, wird es eng werden für die TSG.

Das Leben ist kein Heimspiel

In der Provinz ticken die Uhren anders. Alles geht ein wenig ruhiger vonstatten; es sind vor allem die Traditionen und gewachsenen Strukturen, die den Rhythmus des ländlichen Lebens prägen. Was passiert, wenn plötzlich die große Welt über solch ein idyllisches Biotop hereinbricht, das ist ein beliebter Stoff fürs Kino und eine Blaupause für unzählige Komödien. Viel seltener findet man dieses Thema im Dokumentarfilm vor – dabei bergen solche Beobachtungen durchaus einen großen Reiz in sich.
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Meinungen
@Unter mit · 12.01.2011

Seit doch froh - bleibt Euch das Plastikclub wenigstens im Kino erspart ;-)

Michael Schwede · 07.01.2011

Ich würde mir den Film ja gerne ansehen, nur scheint es nicht möglich zu sein, bzw. müsste ich ein paar hundert Km dafür fahren. Ich wohne im Ruhrgebiet und hier gibt es kein Kino in dem der Fim gezeigt wird.

Kommentare

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