Das Leben ist ein Chanson

Das Leben ist ein Chanson

Eine Filmkritik von Simin Littschwager

Ein Lied für jede Lebenslage

Das Leben ist kein Wunschkonzert, so lautet eine gern zitierte Binsenweisheit. Aber, so zeigt Das Leben ist ein Chanson/ On connaît la Chanson von Regie-Altmeister Alain Resnais, manchmal sind Lieder auch des Lebens besondere die Würze. Sie sind, neben hervorragenden Darstellern und witzigen Dialogen, auf jeden Fall die entscheidende Zutat in diesem Film.
Dreh- und Angelpunkt der vergnüglichen Komödie sind die ungleichen Schwestern Camille (Agnès Jaoui) und Odile (Sabine Azéma) Lalande. Die ruhigere Camille arbeitet als Fremdenführerin, schreibt an ihrer Dissertation über den französischen Landadel eines vergangenen Jahrhunderts und gerät darüber in eine Depression, während die etwas schrillere Odile sich hauptsächlich dem Projekt „Traumwohnung“ verschrieben hat. Das Leben ist ein Chanson wäre jedoch kein französischer Film, wenn es neben allerlei Alltagsärger und Lebenskrisen nicht vor allem um eines gehen würde: Die Liebe – inklusive der dazu gehörigen Irrungen und Wirrungen. Und da insgesamt vier Männer das Leben von Camille und Odile durchkreuzen, nimmt die Geschichte in zig Wendungen ihren Lauf.

Da gibt es Nicolas (Jean-Pierre Bacri), den Ex-Geliebten von Odile, den sie zum Essen einlädt, um die alte Bekanntschaft aufzufrischen. Ihr Mann ist darüber wenig erfreut, während die leicht aufbrausende Odile ohnehin an ihrer Ehe mit dem ruhigen und harmoniesüchtigen Claude (Pierre Arditi) zweifelt. Camille unterdessen verliebt sich in Odiles Immobilienmaker Marc (Lambert Wilson), der unter der gelackten Oberfläche ein ziemliches Charakterschwein ist. Da würde der an Geschichte interessierte Hörspielautor Simon (André Dussolier), der ständig an Camilles Führungen teilnimmt, viel besser zu ihr passen, doch ihm lässt sie allenfalls Freundschaft zu Teil werden. Weil er von Hörspielen nicht leben kann, arbeitet Simon nebenher für eine Immobilienfirma, was er Camille jedoch verheimlicht. Wie es der Zufall so will, betreut er dabei Nicolas, der nicht so recht weiß, ob er nun eine Wohnung für sich alleine oder für sich und seine Familie sucht. Auf ihren Streifzügen durch zahlreiche leerstehende Pariser Wohnungen freunden sich Simon und Nicolas mehr und mehr an und klagen sich gegenseitig ihr Leid, während die Wohnungssuche zusehends Nebensache wird. Das gefällt Simons Chef natürlich gar nicht, und dieser wiederum ist – ausgerechnet – Camilles Freund Marc…

Ganz klar, dass dieses Beziehungswirrwarr für alle Beteiligten seine Höhen und Tiefen bereit hält und nicht jedem ein Happy End bieten kann. Wie bereits erwähnt, das Leben ist kein Wunschkonzert. Doch wer in jeder Situation das passende Lied auf den Lippen parat hat, erträgt es manchmal leichter. Welch ein Glück, dass es auch für so ziemlich jede Situation das passende Lied gibt! An erster Stelle stehen natürlich zahlreiche Lieder über die Liebe, aber auch beispielsweise für die hypochondrischen Angstphantasien von Nicolas beim Arztbesuch findet sich ein geeigneter Song.

Das Leben ist ein Chanson des französischen Regisseurs Resnais ist jedoch kein gewöhnlicher Musikfilm, bei dem die Handlung durch Sing- und Tanzeinlagen der Darsteller unterbrochen wird. Vielmehr beweist Resnais, dass er trotz seines hohen Alters (damals war er 75) absolut modern ist, was den Umgang mit Medien betrifft. Denn in Das Leben ist ein Chanson von 1997 praktiziert er im Grunde genommen das, was sich mittlerweile auf der Video-Plattform Youtube ebenfalls großer Beliebtheit erfreut und dort „Lipsync“ (Lippensynchron) genannt wird. Die Darsteller bewegen synchron zu einem im Original eingespielten Lied den Mund und integrieren so Chansonweisheiten aus mehreren Jahrzehnten nahtlos in ihr Leben und ihre Gespräche, allerdings ohne die großartige theatralische Gestik einer Playback-Show, sondern allenfalls mit leicht veränderter Mimik. Da die enthaltenen Botschaften meist geschlechtsneutral sind, ist es egal, ob der Originaltext von einem Mann oder einer Frau gesungen wird, was zu oftmals urkomischen Szenen führt.

Diese Chansoneinlagen sind es, die diese Komödie zu etwas Besonderem machen, ganz gleichgültig, in welche Richtung man sie interpretiert. Denn ob nun ein vermeintlich banaler Liedtext seine Tiefe erst in der geeigneten Lebenssituation offenbart oder ob es eher das scheinbar bedeutsame Leben ist, das in Wahrheit häufig auf Klischees, wie sie in diesen Texten reprodziert werden, reduziert werden kann – wer kennt sie nicht, diese Ohrwürmer, die einem plötzlich im Kopf herum spuken und wie geschrieben für das eigene Leben scheinen. Natürlich ist es fraglich, ob ein solcher Film an Stelle von Chansons, die in Frankreich einen ganz anderen kulturellen Stellenwert innehaben, auch mit deutschsprachigen Liedern funktioniert hätte. Aus diesem Grund wohl gibt es Das Leben ist ein Chanson nur in der französischen Variante mit deutschen Untertiteln, da ein Sprachwechsel innerhalb des Films die bruchlosen Übergänge zwischen Gespräch und Chanson ruiniert hätte. Nicht umsonst wurde „On connaît la Chanson“ auch nicht mit „Das Leben ist ein Schlagertext“ übersetzt…

Das Leben ist ein Chanson

Das Leben ist kein Wunschkonzert, so lautet eine gern zitierte Binsenweisheit. Aber, so zeigt Das Leben ist ein Chanson/ On connaît la Chanson von Regie-Altmeister Alain Resnais, manchmal sind Lieder auch des Lebens besondere die Würze.
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