Das Labor des Grauens

Das Labor des Grauens

Eine Filmkritik von Peter Osteried

Die wahren Freaks

Regisseur Jack Cardiff ist der erste, der zugibt, dass er gerne einiges an seinem Film ändern würde. Der Schnitt könnte etwas flüssiger sein, beklagte er. Ganz unrecht hat er damit nicht, aber dies betrifft allenfalls den Mittelteil und verhindert nicht, dass die Produktion aus dem Jahr 1974 noch immer wirkungsvolles Genre-Kino ist, das sich vor Tod Brownings „Freaks“ verbeugt.
Professor Nolter (Donald Pleasence) träumt davon, eine neue Menschenart zu erschaffen – eine Kreuzung aus Mensch und Pflanze. Zu diesem Zweck experimentiert er an Menschen, die ihm der Elefantenmensch Lynch (Tom Baker) zuführt. Dieser lebt in einem Zirkus für Freaks, verachtet seinesgleichen jedoch. Brian (Brad Harris) und Hedi (Julie Ege) suchen nach verschwundenen Freunden, die auf Nolters Operationstisch gelandet sind.

Der nur 400.000 Dollar teure Film ist erstaunlich aufwendig ausgefallen. Ausladende Sets und großartige Make-up-Effekte lassen Das Labor des Grauens größer erscheinen, als er tatsächlich ist. Dazu kommt eine namhafte Besetzung, die teils auch gegen den Typ besetzt ist, so etwa Brad Harris, der zur Abwechslung mal nicht den Muskelprotz, sondern einen gebildeten Mann spielt. Tom Baker, der kurz darauf zu Doctor Who werden sollte, trägt hier eine Kluft, die wohl auch die Kleidungswahl des guten Doktors inspiriert hat. Darüber hinaus musste sich Baker aber einem mehrstündigen Make-up-Prozess unterziehen. Das Ergebnis ist auch heute noch beeindruckend.

Pleasence spielt erfreulich zurückhaltend. Dabei hätte der Part des Mad Scientists auch locker zum hemmungslosen Chargieren eingeladen, der Charaktermime empfand es jedoch als furchterregender, wenn er den Part „normal“ anlegen würde. Weniger normal, dafür herrlich unangepasst, ist die Ausleuchtung, die Kameramann Paul Beeson bisweilen nutzt. Sehr schön ist eine Sequenz, in der Pleasence und Harris im Labor von einem unnatürlichen Purpurschein beleuchtet werden. Es sind kleine Ideen wie diese, die dem Film Atmosphäre verleihen, vor allem aber zeichnet den Film die schonungslose Konsequenz aus, mit der er es wagt, Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, die im Kino sonst keinen Platz haben – und sie dabei menschlicher zu gestalten, als die „Normalen“, die auf sie herabblicken.

Wie Browning setzt auch Cardiff auf echte Menschen mit Anomalien. Das verleiht dem Film eine deutlich größere Authentizität und dem Zuschauer ein mulmiges Gefühl. Letzteres tritt vor allem in der Szene zutage, als die Hauptfiguren den Zirkus besuchen und die zur Schau gestellten Freaks angaffen. Ein Moment, in dem man sich schämt, derselben Spezies wie die Zirkusbesucher anzugehören, aber auch eine starke Szene, die klar herausstellt, dass man nicht entstellt sein muss, um ein Freak zu sein. Was diese „Freaks“ an äußeren Abnormitäten aufweisen, spiegelt letztlich nur wider, wie hässlich manche Menschen innerlich sind.

Die DVD weist gutes Bild und guten Ton auf, besonders schön ist jedoch die knapp halbstündige Dokumentation über den Film, in der Produzent und Autor Robert D. Weinbach, Regisseur Jack Cardiff und Darsteller Brad Harris zu Wort kommen. Hier wird sehr viel Wissenswertes zur Produktion zutage gefördert und so manch amüsante Anekdote erzählt, so etwa die, wie Popeye mit seinen herausquellenden Augen auf der Straße die Leute erschreckt hat.

Das Labor des Grauens

Regisseur Jack Cardiff ist der erste, der zugibt, dass er gerne einiges an seinem Film ändern würde. Der Schnitt könnte etwas flüssiger sein, beklagte er. Ganz unrecht hat er damit nicht, aber dies betrifft allenfalls den Mittelteil und verhindert nicht, dass die Produktion aus dem Jahr 1974 noch immer wirkungsvolles Genre-Kino ist, das sich vor Tod Brownings „Freaks“ verbeugt.
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