Das junge Mädchen

Das junge Mädchen

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein unterschätztes Meisterwerk

Wenn Leon Bibb als Auftakt zu diesem Drama das Spiritual „Sinner Man“ anstimmt, schwingt in Tönen und Text bereits die unsagbar eindringliche Stimmung dieser präzise inszenierten Geschichte mit, die den Zuschauer mit schwelender Spannung und ebensolchen Ambivalenzen attackiert. Das junge Mädchen von Luis Buñuel frei nach der Erzählung Travelin’ Man von Peter Matthiessen enthält sich innerhalb seiner Rassismus-Thematik konsequent einer perfiden Schwarz-Weiß-Zeichnung, was allerdings seinerzeit bei Publikum wie Kritikern gar nicht gut ankam. 1960 bei den Filmfestspielen von Cannes aufgeführt und im Rennen um die Goldene Palme mit einer Besonderen Erwähnung geehrt, erwies sich der Film an den Kinokassen als Misserfolg, erfuhr aber bei der Berlinale 2008 durch eine Aufführung im Rahmen einer Retrospektive mit Werken Luis Buñuels noch einmal eine späte Würdigung.
Als der farbige Musiker Traver (Bernie Hamilton) von einer aufgebrachten Menge auf Grund der Anschuldigung verfolgt wird, eine hellhäutige Frau vergewaltigt zu haben, gelingt es ihm, mit dem Boot auf eine dem Festland vorgelagerte Insel zu flüchten, um der drohenden Lynchjustiz zu entfliehen. Dort trifft er zunächst nur auf die junge Evvie (Key Meersman), die neben dem Wildhüter Miller (Zachary Scott), der vorübergehend in der Stadt weilt, die einzige Bewohnerin des hübschen Fleckens Erde ist, seit ihr Großvater am Tag zuvor verstarb. Die naive, doch im Umgang mit den Lebensbedingungen auf der Insel sehr tüchtige Evvie duldet es nach anfänglichem Widerstand, dass Trever sich mit Benzin für das Boot und einem Gewehr aus dem Bestand Millers eindeckt, da dieser sie fair dafür bezahlt. Das Mädchen, das in dieser Abgeschiedenheit aufwuchs und weder mit der Geselligkeit, noch mit den Gepflogenheiten einer größeren Gemeinschaft von Menschen vertraut ist, zeigt unverhohlene Neugier an dem Fremden, der ganz zauberhaft auf seiner Klarinette spielen kann und ihr freundlich auf Augenhöhe begegnet.

Als Miller allerdings vom Festland zurückkehrt, spürt er Traver am Strand auf, in der Absicht, ihn zu töten. Der Verfolgte entkommt, und später kann er dem Wildhüter seine Waffen abnehmen und somit vorläufig die Machtverhältnisse umkehren. Während Trever in Evvies Zimmer nächtigt, zieht diese derweil zu Miller, und das, was dort geschieht, verkauft dieser dem jungen Mädchen anschließend mit dem zynischen Ausspruch, sie sei nun eine Frau. Zwischen Miller und Trever entspinnt sich eine fortlaufende Debatte über rassistische Ressentiments, die für beide eine Selbstverständlichkeit darstellen, und Miller bringt wiederum den Musiker in seine Gewalt und lässt ihn für sich arbeiten. Als Reverend Fleetwood (Claudio Brook) von der Gemeinde, die Evvie in ihre Obhut nehmen will, gemeinsam mit dem grobschlächtigen Jackson (Crahan Denton) auf der Insel auftaucht und die Nachricht mitbringt, dass ein Schwarzer wegen Vergewaltigung gesucht werde, spitzen sich die dramatischen Entwicklungen und Konflikte um Loyalitäten zu, denn Jackson will sich nicht davon abbringen lassen, Trever zu lynchen …

Luis Buñuel hat innerhalb seiner wechselhaften, internationalen Karriere zwei US-amerikanische Filme inszeniert: Robinson Crusoe (1954) und Das junge Mädchen, der auf Englisch in Mexiko gedreht und durch Gelder aus den USA finanziert wurde. Dieser ebenso großartige wie unprätentiös berührende Film manövriert sich jenseits moralischer Mahnungen durch einen Moloch an Unbehaglichkeiten, die von zunächst nur beinahe warmen Augenblicken innerhalb der rauen Naturumgebung begleitet werden. Das psychologische Spiel von Nähe und Distanz der Protagonisten gelingt hier auf schlichte Art, innerhalb welcher die kleinsten Details an Bedeutsamkeit gewinnen, ganz überwältigend. Das Mädchen Evvie, das auf Grund seines Einsiedlerlebens noch keine Vorstellung von den zementierten Konzepten des Rassismus besitzt, verliert hier nicht nur in sexueller, sondern auch in mentaler Hinsicht seine Unschuld. Trever und Miller hingegen kreisen in den eingefahrenen Bahnen ihrer Erfahrungen und Lebenskonfigurationen aus zwei völlig unterschiedlichen Erlebenswelten, während Luis Buñuel sie dabei so ähnlich zeichnet, dass sie ohne die Barrieren der Ressentiments durchaus befreundet sein könnten.

Die DVD erscheint einzeln im April 2010, wobei der Film bereits am 20. November 2009 innerhalb der Luis Buñuel Edition bei Arthaus erstmals auf DVD veröffentlicht wird. Das junge Mädchen stellt mit seinen dichten, ruhigen Schwarzweißbildern, seiner geschickt konstruierten Dramaturgie sowie den beseelt agierenden Darstellern ein unterschätztes Juwel dar, das mit kleinen Gesten und Mienenspielen Welten der unterschwelligen Emotionen und Haltungen transportiert. Das Ende der Geschichte, für das sich Luis Buñuel nach einigen Abwägungen letztlich entschieden hat, erscheint ebenso überraschend wie konsequent und repräsentiert noch einmal geballt die Wirkungsmacht der Ambivalenz, die diesem undogmatischen Film über höchst brisante Themen seine kluge Eleganz verleiht.

Das junge Mädchen

Wenn Leon Bibb als Auftakt zu diesem Drama das Spiritual „Sinner Man“ anstimmt, schwingt in Tönen und Text bereits die unsagbar eindringliche Stimmung dieser präzise inszenierten Geschichte mit, die den Zuschauer mit schwelender Spannung und ebensolchen Ambivalenzen attackiert.
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