Das fehlende Grau

Das fehlende Grau

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Seinen eigenen Gefühlen ausgesetzt

Am Anfang sehen wir sie auf einem Hochhausdach balancieren, nahe am Abgrund. Was erzählt uns dieser metaphorische Beginn von der Gratwanderung des Lebens? Dass wir es hier nicht mit einem Film mit Handlung zu tun haben, sondern mit einem, der einen Zustand, einen Charakter porträtiert, mit einer Beschreibung, keiner Entwicklung.
Weshalb es auch stimmig ist, wenn der Film chronologisch springt, wenn die einzelnen Episoden nicht aufeinander bezogen werden können: Wir erleben die namenlose Hauptperson bei ihren Begegnungen mit älteren Männern. Und auch, das sind mit die verstörendsten Szenen, mit einem kleinen Mädchen, das sie in eine Waldhütte lockt, um ihre Freundin zu sein…

Sie zieht sich an wie eine Schlampe; mit engen Oberteilen, kurzen Röcken, pinken Leggins, überstarker Schminke. Vielleicht merkt sie das gar nicht; sie weiß aber um ihre Wirkung auf Männer. Und die setzt sie ein, gibt den Männern an der Oberfläche die Wunscherfüllung, die sie sich ersehnen, mal eher elegant, mal eher nuttig. Macht sie in der Kneipe an; verabredet sich telefonisch; lässt sich gerne ansprechen und abschleppen. Ineinander verschachtelt entwickeln die Regisseure Nadine Heinze und Marc Dietschreit diese Szenen dramaturgisch ganz geschickt, mit flirtend-gesprächigem Vorspiel, bevor es dann ernst zur Sache kommt. Und das mit jeweils unterschiedlicher Stimmung in den einzelnen Episoden, von einem feucht-fröhlichen Gefoppe über elegant-flirtiges Kennenlernen bis zu dem alternden Autowaschanlagenvertreter, von dem wir einiges hören über die Vorzüge des 3D-Laser-Lichtschnittverfahrens zur Verfeinerung der Fahrzeugreinigungsprogramme und über die Vorliebe für gutbürgerliche Küche, reichlich muss es sein.

Irgendwann zündet sie sich dann eine Zigarette an, und dann wird es ernst. Sie spielt mit den Männern, lässt sie zappeln, zieht sie an sich und stößt sie weg; angriffslustig-zynisch beschimpft sie den Waschanlagen-Typen; kotzt sich aus über die biedere Schlagerwelt der Kneipenbekanntschaft, den sie geil macht und damit aggressiv; und spielt mit dem nobel-reichen Familienvater ein böses Spiel, schreibt in das Paolo-Coelho-Buch seiner Frau einen unfreundlichen Gruß.

Dass sie psychisch kaputt ist, ist dem Zuschauer schnell klar. Einen Borderline-Film wollten die Regisseure drehen, in dem das Syndrom nicht ausformuliert wird: Ja, Gott sei Dank lassen sie die psychologisierende Ebene weg, stellen keine Diagnose, sondern konfrontieren mit einer Gestörten, wie man auch im wirklichen Leben mit solchen Personen konfrontiert werden könnte. Und gestört ist sie, schluckt zuhause Duschgel, zwingt sich aus Einsamkeit in die Bekanntschaft mit einer 10-Jährigen…

Doch natürlich geht sie einem auf die Nerven. Ich bin mir nicht sicher: Aber das könnte eine Qualität des Filmes sein, dass er den Zuschauer auch mit sich selbst konfrontiert, mit seinen Gefühlen dieser Frau gegenüber. Selten jedenfalls vermag es ein Film zu schaffen, den Zuschauer zu halten trotz zunehmender Antipathie gegen die Hauptdarstellerin. Gewollt oder ungewollt kriegen es Heinze und Dietschreit hin, dass man (freilich vielleicht nicht "frau") dieser zickigen Schlampe, die die mehr oder weniger hilflosen Männer geil macht und sie dann hängen lässt, dass man dieser sadistischen Spielerin mit den biologischen Mechanismen des Begehrens wünscht, dass sie vergewaltigt wird. Was dann auch geschieht. Und den Zuschauer direkt seinen Gefühlen aussetzt.

Das fehlende Grau

Am Anfang sehen wir sie auf einem Hochhausdach balancieren, nahe am Abgrund. Was erzählt uns dieser metaphorische Beginn von der Gratwanderung des Lebens? Dass wir es hier nicht mit einem Film mit Handlung zu tun haben, sondern mit einem, der einen Zustand, einen Charakter porträtiert, mit einer Beschreibung, keiner Entwicklung.
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Meinungen
anonym · 14.02.2017

Auch ich bin sehr verärgert über die Rezension von Harald Mühlbeyer, der sich hier absolut im Ton vergreift!

Lukas · 04.08.2015

>"Gewollt oder ungewollt kriegen es Heinze und Dietschreit hin, dass man (freilich vielleicht nicht "frau") dieser zickigen Schlampe, die die mehr oder weniger hilflosen Männer geil macht und sie dann hängen lässt, dass man dieser sadistischen Spielerin mit den biologischen Mechanismen des Begehrens wünscht, dass sie vergewaltigt wird. Was dann auch geschieht. Und den Zuschauer direkt seinen Gefühlen aussetzt."

Wow! Eines ist wohl mal klar: dieser Film löst starke Emotionen aus. Der Umgang mit diesen Emotionen und die Erklärungsmuster sind dann aber sehr unterschiedlich.

Mir stellt sich die Frage, wie man mit einer derart wertenden Haltung als Filmkritiker tätig sein kann. Da bringt einen doch jeder 3. Film aus der Fassung.

Patriarchat ick hör dir trapsen. Da haben sie ihren Sumpf aber mal so richtig schön rausgelassen, Herr Mühlbeyer. Schon mal darüber nachgedacht, dass man den Erlebnissen einer solchen Figur folgen kann, ohne wahlweise in apologetisches Mitleid oder aber krass entlarvende Verbalaggression zu verfallen? Weite Teile ihrer Kritik erzählen, so scheint es mir, zuerst von ihrer eigenen Frustration mit den Frauen. Ein leidiges Thema. Jaja, man hat's nicht leicht.

Betrachten sie doch mal die andere Seite: dieser rücksichtslosen Frau gegenüber stehen doch auch ziemlich erbärmliche Männergestalten. Männer, die für einen Hauch von Zuwendung und die Aussicht auf Sex fast alles in kauf nehmen.

Mir ist bewusst, dass diese Haltung mitunter als salonfähig gilt: Männer sind halt so und können nicht anders. Buhu. Ist trotzdem entlarvenden und lässt einen als Leser in den Abgrund blicken.

Wie wäre es mit der nüchternen Feststellung: wo gehobelt wird, da fallen Späne. Man kann beispielsweise Verständnis für diese Männer aufbringen (ja, auch für den Vergewaltiger) ohne zugleich der Hauptfigur eine Vergewaltigung zu wünschen.

Dafür muss man wohl in der Lage sein, Ambivalenzen auszuhalten.

Mika · 24.06.2015

Interessant, dass hier leute ihren senf beisteuern, die entweder den film nicht gesehen haben, selbst zumindest an einer krassen persönlichkeitsstörung leiden oder den regisseuren nichts, aber auch gar nichts gutes gönnen. Einem spielfilm vorzuwerfen, nicht zu erklären, keinen psychologischen background zu haben ist schon frech. Es ist ein schwieriger film, sehr gut gemacht, extrem kurzweilig und sehr authentisch, was die darstellung einer borderline-gestörten angeht. Sina ebell spielt grandios, albert bork und rupert seidl ebebünfalls. Es ist ein erstlingswerk und dafür sicher mehr als herausragend. Heinze und dietschreit sind auf dem richtigen weg. Kleinohrhasen-geschrubbel gibt es mehr als genug und film muss nicht immer "popcorn-tauglich" sein.

Ein Film für alle und keinen · 20.06.2015

Die Kunst ist frei. Ist klar. Abbilden, schauen, rezipieren. Aber wem nützt die Verstörung, den paralysierten Machern und denen die sich den Schund ansehen und dafür paralysiert werben ja wohl nur. Ich bin entsetzt, dass eine Regisseurin derart hängen geblieben ist und SOLCHEN SCHEISS PRODUZIERT!WAS IST DIE IDEE DAHINTER?Was für eine Scheissrecherche...einen Borderline-Film wollten die Regisseure drehen ...WAASSS? OHNE PSYCHOLOGISCHEN HINTERGRUND? Für Zivilcourage plädieren vielleicht indem das Ende offen bleibt und die Problematik der Vergewaltigung weitergereicht wird an den Zuschauer? WIE SCHEISSKONTRAPRODUKTIV IST DER FILM! Aber immerhin sind wir ja alle aufgeklärt...Borderline. Ah mhmm...Borderliner...allesamt Schlampen. Ach ja...wird im übrigen auf die Erkrankung im Film hingewiesen?

Lu · 01.11.2014

Was für eine ultra beschissene Rezension ist das denn!! Also ich kann mich nur der Kritik anschließen und darauf verweisen, dass es in keinerlei Hinsicht angebracht ist, wie man (freilich vielleicht nur Harald Mühlbeyer) hier leichtfertig den Begriff Schlampe und den Wunsch der Vergewaltigung nutzt!

Ro · 31.10.2014

Ensetzt und verärgert von dieser Rezension, die sich mehrmals deutlich im Ton vergreift "Sie zieht sich an wie eine Schlampe; mit engen Oberteilen, kurzen Röcken, pinken Leggins, überstarker Schminke. Vielleicht merkt sie das gar nicht; sie weiß aber um ihre Wirkung auf Männer.", soll hiermit gesagt sein, dass die Annahmen, ein bewirke einen Vergewaltigungswunsch UNFASSBAR unangebracht ist. "Gewollt oder ungewollt kriegen es Heinze und Dietschreit hin, dass man (freilich vielleicht nicht "frau") dieser zickigen Schlampe, die die mehr oder weniger hilflosen Männer geil macht und sie dann hängen lässt, dass man dieser sadistischen Spielerin mit den biologischen Mechanismen des Begehrens wünscht, dass sie vergewaltigt wird. Was dann auch geschieht. Und den Zuschauer direkt seinen Gefühlen aussetzt"

Kommentare

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