Das China Syndrom

Das China Syndrom

Eine Filmkritik von Martin Beck

Nur ein Zwischenfall

Das China Syndrom ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Film, auch was seine erstaunlich zeitlose Aktualität angeht. Die man nun, der deutschen Blu-Ray sei Dank, erneut abklopfen kann und dabei feststellt, dass 1979 eigentlich erst gestern war – exklusive natürlich ein paar tragischer Frisuren und technischer Details.
Der Titel des Films bezieht sich auf eine Kernschmelze, die es bis ins Grundwasser schafft – was hier tatsächlich um Haaresbreite verhindert werden kann. Doch trotzdem weitreichende Nachwirkungen hat, weil eine TV-Reporterin (Jane Fonda) und ihr Kameramann (Michael Douglas) das Ereignis zufällig mitfilmen und der zuständige Chef-Ingenieur (Jack Lemmon) erhebliche Mängel bei den Sicherheitsvorkehrungen ausfindig macht.

Dass Das China Syndrom nur 12 Tage vor der Beinahe-Katastrophe in Harrisburg anlief, ist natürlich ein seltener Glücksfall kostenloser Publicity, doch auch heute noch ist der Film absolut zeitgemäß. Weil es natürlich immer noch Atomkraftwerke gibt, weil es immer noch beschwichtigende Konzernbosse gibt und weil sich Regisseur James Bridges dem Thema unbeirrbar seriös nähert. Und dabei eine schlüssige Mischung aus Quasi-Doku und Thriller findet.

Ein eigentlich „technisches“ Thema wird zur Grundlage eines menschlichen Dramas, das alle drei Hauptdarsteller hervorragend verkörpern. Besondere Erwähnung gebührt dabei Jack Lemmon, der hier eine seiner wenigen ernsten Rollen spielt und dabei eindrucksvoll beweist, was für ein großartiger Schauspieler er doch war. Das Dankesschreiben für diesen Auftritt dürfte zuallererst Michael Douglas erhalten haben, der hier nach Einer flog über das Kuckucksnest seinen zweiten Volltreffer als Produzent landete und maßgeblich für die durchaus mutige Ausrichtung des Drehbuchs verantwortlich war.

Das China Syndrom ist einer der letzten großen Politthriller der 1970er Jahre, zugleich provokant, furchtlos und spannend. Klassisches New Hollywood-Kino, inklusive geballter Faust, aber trotzdem keiner der Filme, die einem sofort auf der Zunge liegen. Was wohl mit der letztendlich doch eher konventionellen Charakterzeichnung zu tun hat (vor allem von Fonda und Douglas) und vielleicht auch dem damaligen Schlagzeilen-Overkill – der in Verbindung mit satten Box Office-Zahlen kein schwelendes Kult-Interesse möglich machte.

Letztendlich aber fördert das nur die Wiederentdeckung, die hier längst überfällig ist und einen immer wieder staunen lässt: über die immense Spannung des Films, die dichte Inszenierung, die selbst eine Autoverfolgungsjagd der Geschichte unterordnen kann, die Großaufnahmen von Jack Lemmons zerfurchtem Gesicht und das offene Ende, das heutzutage bereits in der ersten Drehbuchfassung fliegen würde. Das China Syndrom ist sowas von reif für eine Blu-Ray – die dann auch fast alles richtig macht. Ausgenommen der deutschen Tonspur, die tatsächlich leicht asynchron ist.

Also dann halt Englisch, was wegen der grundsätzlich exzellenten Synchro ein leichtes Knirschen verursacht, das dann aber mit einem knusprigen Bild, zwei ausführlichen Dokus und drei „deleted scenes“ wieder heruntergespült werden kann. Ab sofort gibt es keine verlegenen Fragezeichen mehr bei Das China Syndrom. Schon beruhigend, dass hier kein zweiter The Day After wartet.

Das China Syndrom

„Das China Syndrom“ ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Film, auch was seine erstaunlich zeitlose Aktualität angeht. Die man nun, der deutschen Blu-Ray sei Dank, erneut abklopfen kann und dabei feststellt, dass 1979 eigentlich erst gestern war – exklusive natürlich ein paar tragischer Frisuren und technischer Details.
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