Crulic - Weg ins Jenseits

Crulic - Weg ins Jenseits

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Stimme aus dem Reich der Toten

Es ist vor allem Ari Folmans Waltz with Bashir zu verdanken, dass animierte Dokumentarfilme heute nicht mehr zu den seltenen und bestaunten Exoten gehören, sondern sich mittlerweile so großer Beliebtheit erfreuen, dass selbst das Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm der Untergattung inzwischen eine eigene Programmreihe widmet. Was aufgrund der beiden Schwerpunkte des Festivals durchaus auch auf der Hand liegt. Doch es sind nicht allein die neuen Möglichkeiten des Animationsfilms, die Dokumentarfilme reizen dürften, zugleich lassen sich mit der Technik auch einige Probleme elegant umschiffen, an denen vorher so manches hoffnungsvolle Projekt zu scheitern drohte. Zum einen beispielsweise finden sich für manche Themengebiete einfach keine filmischen Archivbilder und zum anderen stehen auch Interviewpartner nicht immer zur Verfügung — davon mal abgesehen, dass der inflationäre Einsatz von sogenannten „talking heads“ selbst das spannendste Thema mitunter recht zäh aussehen lässt. Außerdem erlauben animierte Bilder einen teilweise fiktionalisierten, verdichteten und dramatisierten Zugang zu einer Geschichte, die den Zuschauer sehr viel stärker emotional am Geschehen beteiligt, als dies sonst oft der Fall ist. Zugleich besteht dadurch freilich auch die Gefahr, dass der Inszenierungscharakter aufgrund der ungeahnten Möglichkeiten überreizt wird.
Auch im Fall von Anca Damians Crulic — Weg ins Jenseits kann man mutmaßen, dass dieser Film womöglich ohne den Einsatz animierter Bilder gar nicht erst möglich gewesen wäre, bzw. der Film sehr viel schwerfälliger geraten wäre. Und zugleich stellt sich am Ende auch ein wenig die Frage, in welchem Ausmaß die Regisseurin hier dramaturgisch zugespitzt hat, um ihre Geschichte noch erschütternder werden zu lassen, als sie es eh schon ist.

Die Geschichte beginnt am 11. Juli des Jahres 2007, als einem Richter am Obersten Gerichtshof Polens in Warschau das Portemonnaie entwendet wird. Die Diebe sind schnell, noch am gleichen Tag werden mit der Kreditkarte des Richters zwei Abhebungen in einer Höhe von insgesamt 500 Euro getätigt. Schnell gerät der aus Rumänien stammende Gastarbeiter Claudiu Crulic, der zu diesem Zeitpunkt bereits wegen einer anderen Sache ins Visier der Behörden geraten war, in den Verdacht, auch für den dreisten Diebstahl verantwortlich zu sein. Zwei Monate später, am 10. September, wird Crulic dann auch des Diebstahls der richterlichen Brieftasche beschuldigt und zum wiederholten Male ins Untersuchungsgefängnis der Stadt gebracht. Da der Mann sich von der Justiz unfair behandelt fühlt und schwört, mit dem Diebstahl nichts zu tun zu haben, tritt er aus Protest gegen die Anschuldigungen noch am gleichen Tag in einen Hungerstreik. Doch selbst ein Busticket, das zeigt, dass er an dem fraglichen Datum gar nicht in Polen, sondern in Italien war, wird von den Strafverfolgungsbehörden nicht zur Kenntnis genommen. Ebenso ungehört verhallen seine Bittbriefe an die rumänische Botschaft in Polen, die ihm als einzige Antwort den Ratschlag gibt, er solle auf die polnische Justiz vertrauen, die Sache werde sich schon aufklären. Auch seiner Bitte um Bestellung eines anderen Anwalts statt des ihm zugewiesenen Pflichtverteidigers wird nicht entsprochen.

Derweil mahlen die Mühlen der Justiz langsam, nach Ablauf der dreimonatigen Frist für die Untersuchungshaft wird diese noch einmal verlängert. Zu Beginn des Jahres 2008 ist Crulic von seinem Hungerstreik bereits stark geschwächt, am 11. Januar des Jahres ordnen die Ärzte im Krankenhaus des Gefängnisses schließlich die Zwangsernährung mit einer Magensonde an. Dabei allerdings bohrt sich die Sonde in die Magenwand des Untersuchungshäftlings und verursacht starke innere Blutungen. Aufgeschreckt von dem Kunstfehler ordnet das Gericht daraufhin die Verlegung in ein reguläres Krankenhaus an, doch die Maßnahme kommt zu spät: 16 Stunden nach seiner Einlieferung verstirbt der Patient, der zum Zeitpunkt seines Todes gerade mal 33 Jahre alt ist. Erst dann wird die Presse auf den Fall aufmerksam, drei der Ärzte werden zur Verantwortung gezogen und der rumänische Außenminister tritt schließlich als oberster Dienstherr über das diplomatische Corps zurück.

Es ist eine Vielzahl unterschiedlicher Animationstechniken, derer sich Anca Damian in ihrem bewegenden Film bedient, Collagen, Stop-Tricks, Legeanimationen, eher grafisch gestaltete Sequenzen und eingearbeitete Fotos ergeben einen ganz eigenen Look, den man so in dieser Durchmischung sonst am ehesten im Experimentalfilm oder bei Arbeiten mit klar bildkünstlerischem Hintergrund zu sehen bekommt. Zusammengehalten wird dieser Bilderstrom von der Erzählstimme des Verstorbenen, der gleichsam aus dem Grab von seinem Martyrium und seinen unzähligen Versuchen, seine Unschuld zu beweisen, berichtet. Nicht allein deshalb erinnert Crulic — Weg ins Jenseits auch ein klein wenig an Peter Liechtis nicht weniger experimentelle und fiktionalisierte Chronik eines Verhungernden Das Summen der Insekten — Bericht einer Mumie.

Zitiert wird auch aus den vielen Briefen, die Claudiu mit der Bitte um Hilfe an seine Familie und an offizielle Stellen schrieb. Auf diese Weise entsteht ein manchmal fast märchenhaft anmutender Film, der immer wieder abschweift und zwischendrin mal eben wie ein absurder Werbespot anmutet, um dann wieder die ganze Härte des Alltags im Gefängnis in düstersten Farben zu beschreiben.

Dennoch bleiben am Ende viele Fragen offen: So erfährt man zum Beispiel nicht, ob latente Ausländerfeindlichkeit und ein eventuell fest in der Gesellschaft verankertes Misstrauen gegenüber Ausländern für das seltsame Verhalten der polnischen Justiz verantwortlich sein könnte. Auch die Tatsache, dass Claudiu Crulic unmittelbar bei Beginn seiner Untersuchungshaft seinen Hungerstreik antrat, wird nicht näher untersucht, so dass man sich am Ende auf vieles seinen eigenen Reim machen muss. Insofern überzeugt der Film trotz seiner gelungenen ästhetischen Qualitäten nicht zur Gänze — sehenswert ist er dennoch.

Crulic - Weg ins Jenseits

Es ist vor allem Ari Folmans „Waltz with Bashir“ zu verdanken, dass animierte Dokumentarfilme heute nicht mehr zu den seltenen und bestaunten Exoten gehören, sondern sich mittlerweile so großer Beliebtheit erfreuen, dass selbst das Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm der Untergattung inzwischen eine eigene Programmreihe widmet.
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