Crashkurs

Crashkurs

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die andere Seite der Krise

Während derzeit der Aktienzocker Jordan Belfort in Martin Scorseses The Wolf of Wall Street die fast schon heitere Seite von Börsencrashs und der Finanzmanipulationen zeigt und damit die Zuschauermassen in die Kinos lockt, widmet sich Anika Wangard in Crashkurs zwar dem selben Thema, nähert sich diesem aber vom größtmöglich entfernten Standpunkt an. Ihr geht es nicht um den Rausch und den Glamour schmieriger Hasardeure, sondern um die geprellten Kleinanleger, die teilweise ihre gesamte Altersvorsorge verloren haben. Das Ergebnis ist ein Film, der sowohl inhaltlich als auch stilistisch das vollkommene Gegenteil von Scorseses rasant-zynischem Drama darstellt – leider auch mit dem sehr wahrscheinlichen Effekt, dass sich in der Bedeutung der beiden Filme das Verhältnis von Betrügern und Betrogenen nachträglich weiter spiegelt: „The winner takes it all, the loser’s standing small…“
Eigentlich hat das Ehepaar Meyenburg ausgesorgt. Das Haus ist verkauft, da es für Eva (Monika Lennartz) und Alexander (Ulrich Voss) mittlerweile zu groß geworden ist, stattdessen leben die beiden nun in einer kleineren Wohnung und wissen das Ersparte sicher auf der Bank – so glauben sie zumindest. Als dann aber Dany (Winnie Böwe), die erwachsene Tochter der beiden, ihre Eltern um einen Kredit für die physiotherapeutische Praxis bittet, die sie betreibt, bricht die Illusion des sicher angelegten Geldes auf der Bank wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Denn auf Anraten ihres Bankberaters hatten die Meyenburgs und vor allem Eva, die sich um die finanziellen Angelegenheiten kümmert, die Ersparnisse in hochriskanten amerikanischen Immobilienfonds angelegt. Und die sind gnadenlos abgestürzt, so dass sie nun außer 5.000 Euro auf dem Girokonto nichts mehr besitzen. Zwar beteuert der recht kurz angebundene Bankberater Herr Henkes (Rainer Reiners), die Rentner auf das enorme Risiko der Anlage hingewiesen zu haben, doch das rettet das verlorene Kapital auch nicht mehr. Hinzu kommen die Vorwürfe von Alexander an seine Frau, sie habe wohl bei dem Beratungsgespräch nicht richtig zugehört – Eva ist jedenfalls am Boden zerstört. Dann aber lernt sie andere Menschen kennen, die das gleiche Schicksal durchleiden wie sie. Und gemeinsam mit ihnen beginnt sie sich zu wehren, verklagt zusammen mit ihrer Tochter die Bank und sucht mit ihrem Anliegen zunehmend die Öffentlichkeit, was ihrem Mann zunächst mehr als peinlich ist. Denn Demonstrationen, wütende Flugblätter, Sitzblockaden vor der Bank und andere Formen des zivilen Ungehorsams passen nicht in sein Weltbild. Dann aber muss er selbst am eigenen Leib erfahren, wie fließend die Grenzen sind zwischen dem Eintreten für die Gerechtigkeit und dem Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Es ist schon erstaunlich, wie wenig Widerhall die Finanzkrise bislang im Kino gefunden hat – und das macht sich vor allem im deutschen Film bemerkbar. Angesichts der enormen Auswirkungen fragt man sich schon ein wenig besorgt, warum deutsche Filmemacher soviel mehr Interesse an der Vergangenheit haben als an der Gegenwart. Wobei ehrlich gesagt auch andere Filmnationen in puncto Krisenbewältigung gewaltig hinterherhinken. Anika Wangards Debütspielfilm Crashkurs wirkt da immerhin wie ein Anfang und ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Dabei merkt man dem Film deutlich an, dass er vor allem auf die Zielgruppe abzielt, die er selbst beschreibt. Das Erzähltempo ist deutlich verhalten und nimmt sich viel Zeit für die Deskription einer langjährigen Beziehung und das Aufzeigen von routinierten, manchmal auch erstarrten Kommunikationsformen, wie man sie von älteren Ehepaaren kennt. Das ist zwar nicht unbedingt neu oder spannend, aber immerhin fein beobachtet und vor allem gespielt, so dass sich mancher Zuschauer darin wohl wiedererkennen dürfte.

Andererseits ertappt man sich bei den Dialogen zwischen Eva und Alexander ebenso wie bei den Reaktionen des Bankberaters schon dabei, das Zugespitzte, Verdichtete und Typische dieser Gespräche als klischeebeladen wahrzunehmen. Vielleicht liegt das ja auch ein wenig daran, dass Anika Wangard im Rahmen der Vorrecherche zu ihrem engagierten Film viele Gespräche mit Betroffenen geführt hat – die Meyenbuschs jedenfalls wirken oft genug nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut, sondern als Repräsentanten einer ganzen Gruppe von Menschen. Und genau das verleiht dem Film trotz (oder gerade wegen) seines deutlich spürbaren Willens zur wahrheitsgemäßen und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema eine Tendenz zum parabelhaften und teilweise etwas ungelenken Lehrstück über die Krise und ihre Folgen.

Wie gesagt: Ein größerer Kontrast zu The Wolf of Wall Street ist eigentlich kaum denkbar. Und darin liegt nicht nur die Stärke von Crashkurs, sondern auch seine größte Schwäche. Sexy, auf zynische Weise verführerisch und filmisch teilweise atemberaubend ist nämlich die Geschichte des Schurken. Die Opfer hingegen haben – in der Realität wie im Kino – weiterhin das Nachsehen.

Crashkurs

Während derzeit der Aktienzocker Jordan Belfort in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ die fast schon heitere Seite von Börsencrashs und der Finanzmanipulationen zeigt und damit die Zuschauermassen in die Kinos lockt, widmet sich Anika Wangard in „Crashkurs“ zwar dem selben Thema, nähert sich diesem aber vom größtmöglich entfernten Standpunkt an. Ihr geht es nicht um den Rausch und den Glamour schmieriger Hasardeure, sondern um die geprellten Kleinanleger, die teilweise ihre gesamte Altersvorsorge verloren haben.
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