Crash Test Dummies

Crash Test Dummies

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Beschleunigt dem Aufprall entgegen

Allegorien auf das Leben gibt es reichlich – sinnige, unsinnige und tiefsinnige, wobei diese Kategorien meist gar nicht einmal scharf voneinander zu trennen sind. Die Betrachtung, dass das Leben aus Crash Tests besteht und seine Akteure die Dummies darstellen, klingt zunächst recht simpel, von einer ebenso heiteren wie makabren Tendenz getragen. Doch dem österreichischen Regisseur Jörg Kalt, der diese Allegorie zum gleichnishaften Leitmotiv seines Films Crash Test Dummies erhoben hat, gelingt damit ein erstaunlich variantenreiches Spiel um Widerstände und Strategien zu ihrer Überwindung, bei dem ein harter Aufprall mitunter kaum zu vermeiden ist.
Obwohl Ana (Maria Popistasu) und Nicolae (Bogdan Dumitrache), ein junges Paar aus Rumänien, in gemeinsamer Mission mit dem Bus von Bukarest nach Wien gereist sind, um von dort aus in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ein gestohlenes Auto in ihre Heimat zu überführen, trennen sich ihre Wege, erst einmal in der österreichischen Metropole angekommen, rasch: Der Wagen ist bisher nicht einmal „organisiert“ worden, und der ernüchternde Aufenthalt in der Fremde ohne das nötige Kleingeld zum Überleben macht schnell deutlich, dass ihre Vorstellungen vom Umgang mit der desolaten Situation unvereinbar sind. Nicolae drängt es weiter westwärts, während Ana den Rückzug in vertraute Gefilde antreten will, und doch verbleiben beide in Wien und entwickeln, unterstützt von lokalen, mehr oder weniger erfolgreichen (Über-)Lebenskünstlern derselben Generation, unabhängig voneinander ihre ganz eigenen Strategien, sich über Wasser zu halten. An existentiellen Erfahrungen sowie diversen Kratzern und Wunden reicher treffen sie sich schließlich wieder, und die veränderten Bedingungen lassen den jeweils Anderen nun in einem neuen Licht erscheinen.

Getragen von der Geschichte des entzweiten Paares aus der Fremde entwirft Crash Test Dummies das Szenario einer Wiener Subkultur, die durch kauzige Gestalten mit einem mächtigen Hang zu trotzigem Individualismus repräsentiert wird, wobei ihre Gemeinsamkeit hauptsächlich in einer Verweigerung der sozial geforderten Konformität auszumachen ist. Neben dem von Liebeskummer gebeutelten Jan (Simon Schwarz), der sich als Kaufhausdetektiv verdingt, und der viel gereisten, fröhlichen Dana (Viviane Bartsch), die in einem Reisebüro arbeitet, wird vor allem die skurril anmutende Martha (Kathrin Resetarits) in den Fokus der Handlung gerückt, deren Job als lebendiger Crash Test Dummy den harten Drive im Kampf um eine würdige Identität und Position innerhalb einer in überkommenen Werten erstarrten Gesellschaft symbolisiert. Doch für die Drop-outs und Außenseiter hält die Gemeinschaft allenfalls wenig attraktive Nischen bereit.

Für sein viel beachtetes Spielfilmdebüt, das im Jahre 2005 die Sektion „Internationales Forum des Jungen Films“ der Berlinale eröffnete, konnte Regisseur und Drehbuchautor Jörg Kalt bereits eine Vielzahl an Auszeichnungen entgegennehmen, darunter auch den Spezialpreis der Jury beim Internationalen Filmfestival Cinessonne in Paris 2005, wo ebenfalls Kathrin Resetarits für die brillante Interpretation der Rolle der Martha als Beste Schauspielerin prämiert wurde.

Crash Test Dummies zeichnet sich vor allem durch die enorme Dynamik seiner Figuren und die Vielfalt der angerissenen Themen aus; diese reichen von europäischer Migrationspolitik über Geschlechterfragen bis hin zur ganz persönlichen Identitätsproblematik, im Spannungsfeld zwischen tragischem Ernst und explosiver Komik umsichtig inszeniert. Und immer wieder ist es selbstverständlich die Liebe, ihr Gelingen sowie ihr Scheitern, das die jungen Protagonisten beschäftigt und bewegt, worin sie sich kaum von vorherigen Generationen unterscheiden dürften.

Crash Test Dummies

Allegorien auf das Leben gibt es reichlich – sinnige, unsinnige und tiefsinnige, wobei diese Kategorien meist gar nicht einmal scharf voneinander zu trennen sind.
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