Computer Chess

Computer Chess

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Strg + Alt + Ent

In diesem Film werden die ganz gewichtigen Fragen am Computer bearbeitet. Auf einem schwarzen Bildschirm steht: "Was ist der höchste Wert?" Und der Programmierer tippt die für ihn so logische Antwort: "Unendlichkeit". Worauf der Rechner kommentiert: "???". Auch die alternative Antwort "Liebe" lehnt das Programm ab. Es ist ein ganz besonderer Augenblick in Computer Chess, dem neuen Werk des US-Independent Regisseurs Andrew Bujalski. Denn für einen kurzen Augenblick schleicht sich das Fantastische in diesen ansonsten so behutsam betrachtenden Film. Doch der Moment ist kurz und effektvoll und vor allem unerwartet. Es könnte auch einfach ein Bug gewesen sein.
Bugs, Codes und Algorithmen-Bäume - das ist der Alltag der Figuren in Computer Chess. Bujalski erzählt von einem Informatiker-Treffen Anfang der 80er Jahre in den USA. Sie treffen sich mit ihren Computern und Programmen, um an einem Computerschach-Wettbewerb teilzunehmen. Die Programme treten an einem Wochenende gegeneinander an - und das Gewinnerprogramm darf dann am Ende gegen den Schachmeister antreten, der bereits vor Jahren vorausgesagt hat, dass bis ins Jahr 1984 keine Maschine einen Menschen beim Schach besiegen wird.

Um es kurz zu machen: Die Nerds sind da. Überall Hornbrillen, Karohemden, Bügelfalten, Geheimratsecken und viele Gespräche über die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. Der Kosmos, den Bujalski zeichnet, atmet jene Zeit. Und das liegt in erster Linie daran, dass der Regisseur seine Form zum Inhalt macht. Bujalski, der bislang seine letzten Mumblecore-Filme stur auf 16mm bannte, hat Computer Chess mit einer alten Sony Videokamera gedreht. Alle Bilder taucht er in ein monochromes Schwarzweiß. Hin und wieder springt die Tonspur weg, werden Bilderfolgen wiederholt, laufen Streifen durchs Bild. Ein visueller Spaß, der sich hier nie als ödes Gimmick erschöpft. Die Textur der Bilder schmiegt sich sehr effektvoll an die Figuren im Film. Man kann sich die Nerds an ihren Rechnern gar nicht in Farbe vorstellen.

Computer Chess stellt für Bujalski aber auch auf der Ebene des Drehbuches eine Weiterentwicklung dar. Mutual appreciation oder Beeswax waren tief in der - vor allem New Yorker - Gegenwart verankert und schilderten den Alltag einer orientierungslosen, weißen Akademikerschicht, die sich nur unzureichend im Leben wiederfinden konnte. Sein neuer Film ist für seine Verhältnisse fast schon ein Historienfilm, der sich der 80er Jahre unglaublich präzise und liebevoll bewusst ist. In den Gesprächen über die neuen Möglichkeiten der "personal computer" schwingen auch differenzierte Kenntnisse über die technologische Entwicklung mit, die schon bald die Welt enorm verändern werden. Damit bekommen wir einen wesentlich besseren Einblick in die Atmosphäre der bevorstehenden Silicon-Valley-Booms als z.B. die in deutschen Kinos noch nicht gezeigte Steve Jobs-Biographie.

Aber zurück zu Computer Chess, in dem es keinen Jobs und keinen Bill Gates gibt. Aber es gibt zum Beispiel den schüchternen Peter, der nicht erklären kann, wieso gerade sein Programm während des Turniers sich ständig geschlagen gibt. Es gibt auch seinen seltsamen Professor Schloesser, der eventuell das Programm bereits ans Pentagon verlauft hat. Es gibt auch Michael Papageorge, der im ausgebuchten Hotel kein Zimmer findet und nachts heimatlos durch die Flure wandert. Es gibt auch die einzige Frau in der Gruppe, deren Anwesenheit im Männer-Club so besonders und außergewöhnlich scheint, dass ständig darauf hingewiesen wird. Weitere absurde "Running Gags" beinhalten herrenlose Katzen, die sich überall im Hotel breit machen, und eine obskure Selbsthilfegruppe, die durch durchgeknattert New-Age-Methoden nicht nur das eigene Liebesleben auf ein neues "energetisches" Level heben will.

Dass das alles nicht zur Farce verkommt, liegt dann vor allem an Bujalskis Fähigkeit seinen Figuren so viel Zuneigung zu schenken, dass sie nie ausgestellt werden. Berührungsängste, Neurosen und Leidenschaften bleiben nachvollziehbar und in einer sehr natürlichen Balance. Außer dieses eine Mal. Als einer der Computer für einen kurzen Augenblick ein Eigenleben suggeriert. Seinem Schöpfer die Befehle verweigert. "Wer bist du?", tippt dieser irritiert ein. Was dann geschieht? Eine fatalistische Horrorvision? Oder ein dämonisch-banaler Bujalski-Witz? Computer Chess lässt das siegessicher in der Schwebe. Auch diese selbstbewusste Partie geht an den Film. Wir können lediglich - sollten es aber sehr zahlreich - zu sehen und staunen. Schach Matt.

Computer Chess

In diesem Film werden die ganz gewichtigen Fragen am Computer bearbeitet. Auf einem schwarzen Bildschirm steht: "Was ist der höchste Wert?" Und der Programmierer tippt die für ihn so logische Antwort: "Unendlichkeit". Worauf der Rechner kommentiert: "???". Auch die alternative Antwort "Liebe" lehnt das Programm ab. Es ist ein ganz besonderer Augenblick in "Computer Chess", dem neuen Werk des US-Independent Regisseurs Andrew Bujalski.
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Titel
Computer Chess
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o.Al.
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Filmlänge
94 Min
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