Coming Home

Coming Home

Eine Filmkritik von Gregor Ries

Eine Familie in den Fängen der Kulturrevolution

In seinen letzten Arbeiten pendelt Zhang Yimou zwischen aufwändigen Martial Arts-Epen und intimeren, stärker psychologisch ausgerichteten Stoffen. Nachdem sein umstrittener Berlinale-Beitrag The Flowers of War (aka 13 Flowers of Nanjing) zwar mit einer gewohnt ausgeklügelten Kameraarbeit und packenden Kriegsgefechten punkten konnte, zugleich aber durch dick aufgetragenen Patriotismus und triefende Melodramatik verärgerte, konzentriert sich seine Folgearbeit auf einen überschaubareren Rahmen. Mit Coming Home / Gui lai, erneut nach einem Roman von Yan Geiling, zeigt Yimou anhand eines tragischen Schicksals, wie die chinesische Politik das Leben Einzelner und ganzer Familien zerstören konnte.
Am eindrucksvollsten fällt der Prolog aus, der auf eine dramatische Prämisse setzt. Während der Kulturrevolution gelingt Lu Yanshi (Cheng Daoming) im Jahre 1966 die Flucht aus einem Umerziehungslager. Die Polizei rechnet damit, dass der von zehnjähriger Haft gezeichnete Professor bei seiner Frau Feng Wanyu (Gong Li) und ihrer Tochter Dan Dan (Zhang Huiwen) auftauchen wird und unterzieht beide einem strengen Verhör. Nicht umsonst befürchtet Feng, dass das trotzige Mädchen ihren Vater verraten könnte, da sie als linientreue Schülerin auf eine prominente Rolle in einer Aufführung des Staatsballetts hofft. Davon ahnt der verfolgte Lu Yanshi nichts, als er seiner Tochter eine Nachricht für ein heimliches Treffen zwischen ihm und Feng auf einer belebten Brücke übermitteln lässt.

Die Katastrophe bleibt nicht aus: Obwohl Feng ihre Überwachung in letzter Minute bemerkt, kann sie die Verhaftung ihres Mannes nicht verhindern. Als der Dissident nach Ende der Kulturrevolution schließlich entlassen wird, ist seine Tochter längst von zu Hause ausgezogen. Weitaus tragischer erweist sich der Umstand, dass seine Frau ihn nicht mehr erkennt. Bei der zweiten Verhaftung erlitt sie aufgrund des Schocks eine Amnesie. Jeden Monat von neuem wartet sie an der Brücke auf das ersehnte Treffen mit ihrem Mann. Dass er längst neben ihr steht, will die verstörte Frau nicht wahrhaben, da er nicht dem vertrauten Bild entspricht.

Die Vorgeschichte lebt von einer düsteren Stimmung aus Dauerregen, dunkler Farbgebung und einer Aura der Paranoia. In der Person der indoktrinierten Tochter zeigt sich, dass die chinesische Propaganda samt täglicher Parolen ihre Wirkung auf die jüngere Generation nicht verfehlte. Vom Ehrgeiz angetrieben, lässt sich die Tochter zum Verrat an dem ihr fremd gewordenen Vater hinreißen, wodurch sie für das spätere Unglück verantwortlich ist. Als Lu Yangshi in das verlassene Heim zurück kehrt, ändern sich ebenfalls die Lichtverhältnisse. Nun dominieren helle, klare Farben die Szenerie und Sonnenlicht durchflutet die Räume.

Im schier aussichtslosen Kampf, Liebe, Zuneigung und Erinnerung seiner Frau zurückzugewinnen, sieht sich der ehemalige politische Gefangene immer neuen Hürden ausgesetzt. Zunehmend verlagert Zhang Yimou dabei die Anklage eines unmenschlichen Überwachungssystems ins Private. Insgeheim schwingen stets noch die Nachwirkungen der Umerziehungsperiode in die Gegenwart hinein. Selbst betonte Yimou, Coming Home sei in erster Linie die Geschichte einer familiären Liebe und keine politische Metapher. Doch der Einzelne bleibt im repetitiven Kampf für Wahrheit und Erinnerung auf sich allein gestellt.

Dass sich erneut zunehmend melodramatische Elemente einschleichen, liegt nicht am vorzüglichen Akteurstrio, wobei Yimous Ex-Muse Gong Li in ihrer Maske den schleichenden Wahn eher zurückhaltend verkörpert. Vielmehr trägt der Score mitunter zu dick auf, besonders Lang Langs Klaviermotiv, das sich in den Vordergrund drängt.

Mit Coming Home konnte Zhang Yimou erneut einen Erfolg an den chinesischen Kinokassen verbuchen. Sein stilles Epochendrama mit Kammerspiel-Anklängen zählt zu seinen besseren Werken, ohne jedoch die Qualität früherer Meisterwerke wie Rotes Kornfeld oder Rote Laterne mit Gong Li erreichen zu können.

Coming Home

In seinen letzten Arbeiten pendelt Zhang Yimou zwischen aufwändigen Martial Arts-Epen und intimeren, stärker psychologisch ausgerichteten Stoffen. Nachdem sein umstrittener Berlinale-Beitrag "The Flowers of War" (aka "13 Flowers of Nanjing") zwar mit einer gewohnt ausgeklügelten Kameraarbeit und packenden Kriegsgefechten punkten konnte, zugleich aber durch dick aufgetragenen Patriotismus und triefende Melodramatik verärgerte, konzentriert sich seine Folgearbeit auf einen überschaubareren Rahmen.
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