Clip

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Eine Filmkritik von Björn Schmitt

Er küsste und er schlug sie

Zwei Mädchen sitzen vor dem Computer. Sie surfen auf Facebook und sehen wie ein anderes Mädchen mit einem Jungen für ein Foto posiert – ihr Urteil ist schnell gefällt: „Hure“. „Das kannst du besser“, sagt die eine zur anderen. Also beginnt diese, sich auszuziehen und für die Kamera zu posieren. Nach kurzer Zeit ist sie nur noch in ihrer Unterwäsche und reibt sich am Sofa. Dann kommt plötzlich die Mutter von einem der Mädchen ins Zimmer. „Es gibt essen“, ruft sie und scheint überhaupt nicht irritiert von der merkwürdigen Szene, in die ihr Kind dort verwickelt ist. Vielleicht hat sie aber auch schon längst kapituliert — vor dem was sie da sieht und was sie vermutlich jeden Tag mit ansehen muss.
Die oben beschriebene Szene gibt einen guten Einblick in die Welt von Maja Miloš‘ Clip, der eine etwas andere Coming-of-Age Geschichte in einer serbischen Kleinstadt südlich von Belgrad erzählt. Im Zentrum des Films steht die Teenagerin Jasna (Isidora Simijonovic), deren Leben vor allem daraus besteht, sich mit ihren Freundinnen zu amüsieren und zu verausgaben – auf Partys, mit Alkohol, anderen Drogen und natürlich Sex.

Jasna und ihre Freundinnen, das wird schnell klar, lieben es, ihre Körper auszustellen und sich in sehr direkter Weise an die sie umgebenden Männer heranzuschmeißen. Einer dieser Männer ist Djole (Vukasin Jasnic). Er und Jasna kommen sich näher, doch außer auf einer körperlichen Ebene scheinen die beiden zunächst nicht zusammenzufinden. Im Laufe des Films entwickelt sich wider Erwarten und über mehrere Umwege dann doch eine sehr fragile Beziehung zwischen den Jugendlichen – doch diese pendelt fortwährend zwischen emotionaler Kälte und einer zaghaft aufkommenden Zärtlichkeit, ohne sich dabei komplett zu entfalten.

Doch der Film zeigt uns nicht nur Jasnas ausschweifende Erkundungen: Einen Gegenpol hierzu bildet ihre Familie, mit der sie immer wieder aneinander gerät. Jasnas Vater hat Krebs und benötigt dringend eine Chemotherapie, für die ihre Mutter irgendwie das Geld aufzutreiben versucht. Sie ist mit der Situation überfordert und schafft es nicht, gegen ihre rebellierende Tochter anzukämpfen. Es ist diese Überforderung und Hilflosigkeit — in Form des scheinbar unausweichlichen Todes ihres Vaters – die sich auf Jasna überträgt und von der sie sich mit ihren Ausbruchsversuchen befreien möchte.

Gleich zu Beginn erfährt Jasna, dass ihr Handy in der Lage ist, Videos aufzuzeichnen. Dies führt dazu, dass Clip immer wieder zwischen hochauflösenden Einstellungen und verwackelten Handkameraaufnahmen wechselt. Der Einsatz von Jasnas Handykamera schafft dabei sowohl inhaltlich als auch formal eine zweite, alternative Perspektive: Sie bringt uns die Wahrnehmung der Jugendlichen näher und zeigt, was diese als aufzeichnungswert erachten. Die Aufnahmen ähneln dabei zahlreichen Videos, die man so auch tagtäglich im Internet finden kann: Prügeleien, Erniedrigungen oder pornographische Videos. Obsessiv versuchen die Jugendlichen in Clip, ihre Umwelt mit der Kamera einzufangen, so als würden die Geschehnisse und Menschen für sie nur dann wirklich präsent, wenn sie in Form eines Videoclips dokumentiert werden. Dieser ständige Perspektivwechsel zwingt den Zuschauer nicht nur, die Mediatisierung der eigenen Gesellschaft, sondern auch unsere Blicke und Schaulust gegenüber der gezeigten Bilder zu reflektieren. Gerade weil sich Clip in aller Deutlichkeit und Konsequenz mit Sex und Gewalt auseinandersetzt, werden wir gezwungen, das Gezeigte zu bewerten.

Obwohl Miloš stark mit Überzeichnung und schablonenartigen Charakteren arbeitet, gelingt es ihr immer wieder gesellschaftliche Entwicklungen unserer Zeit anzuschneiden und Fragen aufzuwerfen. Die Entwicklung von Zärtlichkeit und Intimität scheint in der Welt von Clip kaum oder nur eingeschränkt möglich: Alle Handlungen sind durch eine mediale Selbstkontrolle – wie nehmen die anderen mich wahr? – und kulturelle Prägung gefiltert. Es ist diese ständige und allgegenwärtige mediale Präsenz der Figuren, die sich in gewisser Weise auch mit unserer Lebenswelt überschneidet.

Die große Stärke von Clip ist es, über Distanz und Verstörung hinaus, dem Zuschauer immer wieder auch Nähe und emotionale Verbindungspunkte zu vermitteln. Je weiter wir Jasna durch die durchzechten Nächte folgen, desto mehr wird klar, dass sie doch nicht gänzlich ungerührt von dem Erlebten ist. Auch sie sehnt sich bisweilen nach Sicherheit, Vertrauen und Empathie und es ist diese andere Seite, die dafür sorgt, dass auch uns etwas an dem Schicksal des Mädchens liegt. Der Film schafft es hierbei, und das ist sehr bemerkenswert, uns den eigenartigen Taumelzustand seiner Protagonistin erfahrbar zu machen, ohne die Spannung zwischen Distanz und Nähe zugunsten einer konventionelleren Dramaturgie aufzulösen.

Gegen Ende sehen wir dann Jasna im roten Kleid auf einer Party. Komplett zugedröhnt kann sie sich kaum auf den Beinen halten – ein wunderbare Versinnbildlichung ihrer emotionalen Verfassung. Sie taumelt von einem Raum zum anderen, schleift sich an der Wand entlang und scheint kaum voranzukommen. Und spätestens ab diesem Moment schwanken auch wir mit ihr, ohne zu wissen, ob wir sie verachten sollen oder nicht doch ein wenig verstehen können.

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Zwei Mädchen sitzen vor dem Computer. Sie surfen auf Facebook und sehen wie ein anderes Mädchen mit einem Jungen für ein Foto posiert – ihr Urteil ist schnell gefällt: „Hure“. „Das kannst du besser“, sagt die eine zur anderen. Also beginnt diese, sich auszuziehen und für die Kamera zu posieren. Nach kurzer Zeit ist sie nur noch in ihrer Unterwäsche und reibt sich am Sofa.
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