Clair Obscur (2016)

Log Line

Die junge Türkin Elmas sitzt halberfroren auf ihrem Balkon. In der Wohnung liegen ihr toter Ehemann und ihre Schwiegermutter. Was ist passiert – und wer trägt die Schuld?

Clair Obscur (2016)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Frauen am Rande (des Patriarchats)

Zwei Frauenschicksale in der Türkei: Während die erste von ihnen, Sehnaz (Funda Eryiğit), als junge, attraktive und gut situierte Psychologin mit Anfang 30 gerade ihr Pflichtpraktikum in einem Krankenhaus nahe der Küste absolviert und mit ihrem Architekten-Mann zusammenlebt, haust die etwa achtzehnjährige Elmas (Ecem Uzun) – so genau weiß man es anfangs noch nicht – zusammen mit ihrem deutlich älteren, wortkargen „Ekel Alfred“-Ehemann in ärmlichen Verhältnissen in einer anonymen Blocksiedlung.

Obendrein muss sich die frühzeitig zwangsverheiratete Elmas auch noch um ihre nicht minder unempathische Schwiegermutter kümmern, die zuckerkrank ist und – wie selbstverständlich – mit beiden im selben Haushalt wohnt. Harsche Kommandos oder regelrechte Nicht-Kommunikation regeln den monotonen Alltag dieser seltsam schweigsamen jungen Frau mit Kopftuch, die die schauspielerische Newcomerin Ecem Uzun in Yeşim Ustaoğlus neuester Regiearbeit Clair Obscur sehr einprägsam verkörpert.

Sex spielt – zusammen mit Abhängigkeit – in beiden nur anfangs so ungleich erscheinenden Paar-Konstellationen eine entscheidende Rolle. Michael Hammon, Andreas Dresens Stamm-Auge und zugleich ordentlicher Kamera-Professor an der Filmuniversität Babelsberg, findet dafür gleich reihenweise düster schimmernde, zum Teil auch sehr explizite Einstellungen, die den Titel des Films – abgeleitet vom italienischen Begriff des Chiaroscuro (zu deutsch: etwa helldunkel) – gekonnt auf der Leinwand illustrieren.

In dieser Technik werden beispielsweise in der italienischen und niederländischen Kunstgeschichte starke Licht-und-Schatten-Verbindungen genannt, die sich gegenseitig durchdringen und gleichzeitig die Gegenstände verhüllen, ohne ihre Konturen unkenntlich zu machen. Caravaggio und Rembrandt, sozusagen die ersten lichtsetzenden Kameramänner der Welt, waren darin absolute Meister, weshalb ihre Malerei bis heute enorme Wertschätzung unter Cineasten wie Peter Greenaway erfährt.

Die junge Elmas ist in Clair Obscur ihrem ruppigen Ehemann trotz Schmerzen im Unterleib jederzeit hörig, was manche Szenen wirklich schwer erträglich macht, während Sehnaz geleckter Architekten-Gatte Cem (etwas zu galant: Mehmet Kurtulus) seine Feierabendstunden in erster Linie mit privaten Pornosessions auf dem häuslichen Designer-Sofa verbringt.

Dabei ist Michael Hammons Bildsprache der große Gewinner dieses streckenweise recht zusammenkonstruierten Films, der Körperkino sein will und sich manchmal doch nur in relativ zehrenden, extrem langen Therapiesitzungen erschöpft: Zu Hause wie im Krankenhaus wohlgemerkt. Diese Momente sind zwar darstellerisch durch die Bank auf hohem Niveau, speziell die beiden starken Frauenfiguren stechen hier sehr positiv hervor, doch wirken sie im selben Augenblick zuweilen auch wie abgefilmtes Theater, so dass nicht bei jedem Betrachter quasi wie von selbst und ad hoc in jeder Szene der Funken überspringen mag: Allerhand Bipolaritäten eben, soweit das Auge reicht, was sehr deutlich den Gestus dieses Films in Worte fasst.

Denn zugegeben: Sowohl die harte Figurenzeichnung wie auch manch hölzerner Dialog sorgen schon von Beginn an dafür, dass Clair Obscur ein absolut sperriger Film geworden ist. Ein echter Problemfilm eben, der selbstverständlich politisch-feministisch grundiert ist und sich damit thematisch konsequent in das bisherige Œuvre der vielfach preisgekrönten Regisseurin einfügt. Die renommierte türkische Autorenfilmerin Ustaoğlu, die selbst am Schwarzen Meer aufwuchs, ist schließlich bekannt dafür, künstlerisch immer wieder mit der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur ihres Heimatlandes hart ins Gericht zu gehen.

Das gelingt ihr zweifelsohne auch bei Clair Obscur, ist zwischen den Bildern jederzeit spürbar und macht diesen Film daher in toto auch unbedingt sehenswert. Zugleich wird das Gros der Zuschauer mit dieser manchmal nur schwer verdaulichen Melange aus Frauen-, Psycho- und Gesellschaftsdrama sicherlich auch fremdeln, weil pure Heimeligkeit oder echte Gefühle bis zum überraschenden Ende eher Randnotizen im Plot bleiben und sich insgesamt ein schwer greifbares Gefühl von Resignation und Tristesse wie ein roter Faden durch das Drehbuch zieht.

Zurecht sprach Yeşim Ustaoğlu auch schon bei der Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München ganz offen davon, dass sie sich in ihrer türkischen Heimat, wo sie nach wie vor relativ frei arbeiten kann, nicht automatisch wohlfühle und sie ihrem Land mitsamt aller patriarchalen Strukturen durchaus offen den Spiegel vorhalten möchte, was sich nun zum Kinostart auch noch mal im Presseheft zeigt: Dort spricht sie bezeichnenderweise von der Türkei „als einer Gesellschaft, die von innen heraus verfault.“

Eine männlich dominierte Macho-Gesellschaft mit großer Unfreiheit für Frauen in nahezu jeglicher Hinsicht ist die Folge. Ob sozial oder körperlich, ob psychologisch, kulturell oder sexuell: Für viele Türkinnen, gleich welchen Alters, ist ein freiheitlich-autonomes, weitgehend selbstbestimmtes Leben bis heute unerreichbar. Auch davon handelt Clair Obscur in tiefenpsychologischer Hinsicht: Es ist im Grunde ein durchaus pessimistischer Heimatfilm geworden, kein vollkommen hoffnungsloser, aber in der Tat ein sehr persönlicher, durchaus radikaler, der sich aufrichtig an überkommenen tradierten Werten jenes zwischen Fort- und Rückschritt mäandernden Landes filmisch abarbeitet.
 

Clair Obscur (2016)

Zwei Frauenschicksale in der Türkei: Während die erste von ihnen, Sehnaz (Funda Eryiğit), als junge, attraktive und gut situierte Psychologin mit Anfang 30 gerade ihr Pflichtpraktikum in einem Krankenhaus nahe der Küste absolviert und mit ihrem Architekten-Mann zusammenlebt, haust die etwa achtzehnjährige Elmas (Ecem Uzun) – so genau weiß man es anfangs noch nicht – zusammen mit ihrem deutlich älteren, wortkargen „Ekel Alfred“-Ehemann in ärmlichen Verhältnissen in einer anonymen Blocksiedlung.

  • Trailer
  • Bilder
Meinungen
Martin Zopick · 14.12.2019

Zwei Frauenschicksale werden hier kontrastiert: die zwangsverheiratete Elmas (großartig Ezem Uzun) trifft auf ihre Therapeutin Chenaz (Funda Eryigit), die mit Cem (Mehmet Kurtulus) eine Bilderbuchehe führt. Bei ihnen stimmt einfach alles: in der Küche wie im Bett. Elmas hingegen war eingeliefert worden, weil sie unterkühlt aufgefunden wurde. In Retrospektiven versucht die Therapeutin herauszufinden, was ihr passiert war. Wir erfahren in den langen Einstellungen nur Bruchstücke. Klar ist, dass die minderjährige Elmas mit einem viel älteren Mann (Serkan Keskin) und dessen noch älterer Mutter zusammenlebte, fast wie in einem Gefängnis. Jetzt sind beide tot. Mutmaßungen bleiben als Verdacht: Mord, Unfall, Zufall?
Die parallel erzählte Geschichte von Chenaz und Cem zerbricht eigenartigerweise etwas aufgesetzt. Die junge Therapeutin geht mit einem Kollegen (Okan Yalabik) ins Bett, der Streit mit Cem inklusive Schlägerei wirkt etwas plötzlich wie vom Zaun gebrochen. Ihr schien es doch an nichts zu fehlen. Steht das für das neue, moderne Selbstbewusstsein der türkischen Frau? Sie ist gebildet, unabhängig, pflegt einen amerikanischen Lebensstil? Am Ende vergießt Chenaz aber Tränen darüber!? Oder bewahrheitet sich hier für Regisseurin Ustaoglu die alte Volksweisheit: ‘Wenn’s dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis.‘
Trotz dieser Unstimmigkeiten und offenen Lücken wird hier ein Blick auf die türkische Gesellschaft geworfen mit zwei ganz unterschiedlichen Beispielen, die aufeinandertreffen und implodieren. Interessant. Bleibt nur die Frage nach dem Titel!?
Wer googlt versinkt in Beispielen aus der Musik oder der Malerei. Hilfreich ist das auch nicht. Eventuell könnte Ustaoglu mit dem Titel meinen, dass die beiden Frauen eine Zone des Halbdunkels durchleben. Die eine freiwillig, die andere notgedrungen.

Kommentare