Christo - Walking on Water (2018)

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Im Jahre 2016 brachte der  gerne als „Verpackungskünstler“ bezeichnete Christo Menschen dazu, buchstäblich übers Wasser zu gehen — seine „Floating Piers“ auf dem Lago d’Iseo machten es möglich. Andrey Paounov hat den Entstehungsprozess begleitet und dabei weitaus mehr als ein Making-of geformt.

Christo - Walking on Water (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Übers Wasser gehen

Auch wenn Christos Ehefrau, Kollaborateurin und Muse Jeanne-Claude im Jahre 2009 verstarb — in Andrey Paounovs Dokumentarfilm „Christo — Walking on Water“ ist sie doch ständig anwesend. Das beginnt bereits im Vorspann, in dem die künstlerische Laufbahn von Christo und Jeanne-Claude erläutert wird,  zieht sich durch zahlreiche Erwähnungen ihres Namens und verdeutlicht sich auch in den Fotografien von ihr, die wie selbstverständlich in Christos Atelier immer in Blickweite sind. Was auf den ersten Blick wie eine reine (und durchaus verständliche) Sentimentalität nach über 50 gemeinsamen Schaffensjahren erscheinen könnte, verdeutlicht sich aber gleich von Beginn an als geradezu logisch und folgerichtig, weil die Idee der „Floating Piers“ das Künstlerpaar seit vielen Jahren begleitete — und immer wieder scheiterte. Insofern ist die Realisierung dieses Langzeitprojekts nicht nur einer jener typischen magischen Momente, die Christo und Jeanne-Claude immer wieder erschufen, sondern eben auch eine Hommage an die Frau, die vielleicht immer ein wenig im Schatten ihres Mannes stand.

Vielleicht erklärt dies auch die Anspannung, unter der der amerikanisch-bulgarische Künstler mit dem bürgerlichen Namen Wladimirow Jawaschew steht: Immer wieder beginnt er im Laufe der Vorbereitungen Streit mit seinen Mitarbeitern (allen voran mit seinem Neffen Vladimir Vayachev, der teilweise sichtlich genervt ist von der Sturheit seines Onkels, ihm dann aber auch immer wieder den Rücken freihält), zeigt sich halsstarrig, uneinsichtig, ungeduldig und oftmals bemerkenswert schlecht gelaunt, wenn es mal wieder nicht — wie er meint — nach seinem Kopf geht. Man meint als Zuschauer förmlich zu spüren, dass ihm das ausgleichende Element fehlt, das Jeanne-Claude womöglich war. Wer solange im Team und auf Augenhöhe arbeitete, ist sicherlich eine andere Herangehensweise gewohnt, als sie sich bei den „Floating Piers“ darstellt.

Paounovs Film setzt mehrere Monate vor der eigentlichen Realisierung der begehbaren Landschaftsskulptur (genauer: am 13. März) ein, die vom 18. Juni bis zum 3. Juli 2016 bestand. In Form eines Countdowns zeigt er etappenweise die Vorbereitungen und die damit verbundenen Schwierigkeiten des (auch logistischen) Mammutprojekts und verweist auf die vielen finanziellen wie administrativen Hürden, die erst aus dem Weg geräumt werden müssen, bevor die Menschen übers Wasser wandeln können. Dramaturgisch geschickt enthält der Film dem Publikum bis zum Schluss den Gesamtblick aus großer Höhe auf die „Floating Piers“ vor. Der (beschwerliche) Weg ist in diesem Fall wieder einmal eher das Ziel als das fertige Kunstwerk, das sowieso nur von temporärer Präsenz ist.

Auch wenn der Filmtitel und das Kunstwerk es nahelegen, dass Christo — noch dazu der Name — vielleicht so etwas wie eine künstlerische Erlöserfigur sein könnte (die kultische Verehrung, die dem grazilen, fast zerbrechlichen wirkenden 81-jährigen Künstler entgegengebracht wird, sprächen weiterhin dafür), so unterlässt der Film dankenswerterweise jegliche Stilisierung und Erhöhung ins Genialische.  Vielmehr zeigt er, wie viel Mühe und Akribie es erfordert, wenn man den Menschen das Wandeln über die Wasser ermöglichen will. Und wie viel kaufmännisches Geschick: 15 Millionen US-Dollar kostete die Realisierung der „Floating Piers“, die der Künstler aus eigener Tasche bezahlte und durch den Verkauf von Skizzen und Bildern des Projektes gegenfinanzierte.

Dass der Film neben den logistischen Schwierigkeiten auch den schnöden Mammon und die Mechanismen des Kunstmarktes zeigt,  macht aus Christo — Walking on Water keine schlichte Künstlerbiographie und kein belangloses Making-of, sondern vielmehr eine bemerkenswert vielschichtige Sichtweise auf die Mühen, die Künstler und Visionäre wie Christo auf sich nehmen — auch und gerade, weil ihre Kunst, wie er es selbst sagt, „völlig nutzlos“ ist. Dennoch: Man möchte solche Nutzlosigkeiten nicht missen.

Christo - Walking on Water (2018)

Ein Jahrzehnt nach dem Tod seiner Lebens- und Arbeitsgefährtin Jeanne-Claude macht sich Christo daran, The Floating Piers zu realisieren, ein Projekt, das sie Jahre zuvor gemeinsam konzipiert hatten. „Walking on Water“ erkundet den Entstehungsprozess eines der grössten Kunstwerke aller Zeiten und zeichnet das Porträt eines Mannes, der intuitive Erfahrung über Demagogie stellt. 

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