Chico & Rita

Chico & Rita

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Hommage an den Kuba-Jazz

Manche Geschichten lassen sich im Trickfilm besser erzählen – selbst wenn sie aus dem wirklichen Leben gegriffen sind. Persepolis von Marjane Satrapi ist ein Beispiel für dieses Phänomen, Waltz with Bashir von Ari Folman ein weiteres. Auch die spanischen Regisseure Fernando Trueba und Javier Mariscal setzen auf den Verfremdungseffekt gezeichneter Figuren. Und kreieren so eine ganz eigene, wundervoll warmherzige Hommage an die kubanische Musik der 1940er Jahre und ihren Einfluss auf US-Jazz-Größen wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Ben Webster. Beim 18. Trickfilmfestival in Stuttgart gab’s dafür den Preis für den besten Langfilm.
Chico & Rita verdichtet penibel recherchierte Fakten zu einer fiktiven Handlung. Sie dreht sich um den talentierten, aber unterbeschäftigten Barpianisten Chico und die charismatische, aber noch unentdeckte Sängerin Rita. Als Chico Rita zum ersten Mal hört, ist das mehr als Liebe auf den ersten Blick. Es ist der Beginn einer wunderbaren musikalischen Zusammenarbeit, die beide zu Stars macht. Aber das Verbindende entpuppt sich zugleich als das Trennende. Um der Karriere willen geht Rita nach New York. Chico reist mit Dizzy Gillespie nach Paris und muss aufgrund einer Intrige zurück nach Kuba, wo die Revolution ausbricht und Jazz als Musik der Imperialisten gebrandmarkt wird.

Die politische Zeitgeschichte streift der Film nur mit wenigen Strichen. Denn die Liebe der Zeichner gilt allein der Welt der Musik: einer sinnlichen, vibrierenden, alles erfüllenden Leidenschaft. Mit klaren Konturen entwirft Designer Javier Mariscal ein Kuba der späten 1940er und frühen 1950er Jahre, das vor Lebensfreude nur so sprüht. Er konzentriert sich ganz auf eine Energie, die in der Eifersucht des Liebespaares ebenso wütet wie im Lebenshunger des nächtlichen Havanna, das die Regisseure nach alten Stadtplänen detailgenau rekonstruiert haben. Der Puls der Leidenschaft gibt den Takt vor für alles Neue. Wie in einem Rausch saugen die kubanischen Musiker Einflüsse des US-amerikanischen Bebop auf, genau wie umgekehrt die Jazzer in New York verrückt sind nach allem, was aus Kuba kommt. Die Konzert-Einlagen, in denen beide Welten verschmelzen, zählen zu den Höhepunkten des Films – sowohl akustisch wie optisch. Der Animation, die Computertechnik mit realen Zeichnungen kombiniert, gelingen hier wunderbar weiche, fließende Bewegungen.

Es ist kein Wunder, dass Fernando Trueba, der 1993 einen Oscar für Belle Epoque gewann, die Musik in den Mittelpunkt stellt. Schließlich hat der Spanier, von dem man in den letzten Jahren in Deutschland eher wenig hörte, mit Calle 54 (2000) und Blanco y Negro (2003) zwei Musikfilme gedreht, eine Dokumentation über lateinamerikanischen Jazz (Calle 54) und einen Konzertfilm mit dem kubanischen Pianisten Bebo Valdés, der inzwischen 92 Jahre alt ist und auch für die Musik in Chico & Rita verantwortlich zeichnet.

Auf diese Weise dient die zwar herrlich konfliktreiche, aber doch etwas dünne Liebesgeschichte als Vehikel für eine großartige Reise in die Welt des kubanischen Jazz, wie man sie mit den Mitteln des Spielfilms vielleicht nicht so glaubwürdig hinbekommen hätte. In seinen ebenso plakativen wie sinnlichen Bildern lässt Trueba eine längst vergangene Epoche wieder aufleben. Er muss dabei nicht wie im Dokumentarfilm auf gealterte Protagonisten zurückgreifen. Sondern kann sie so jung und kraftvoll zeichnen wie ihre Musik.

Chico & Rita

Manche Geschichten lassen sich im Trickfilm besser erzählen – selbst wenn sie aus dem wirklichen Leben gegriffen sind. „Persepolis“ von Marjane Satrapi ist ein Beispiel für dieses Phänomen, „Waltz with Bashir“ von Ari Folman ein weiteres. Auch die spanischen Regisseure Fernando Trueba und Javier Mariscal setzen auf den Verfremdungseffekt gezeichneter Figuren. Und kreieren so eine ganz eigene, wundervoll warmherzige Hommage an die kubanische Musik der 1940er Jahre und ihren Einfluss auf US-Jazz-Größen wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Ben Webster.
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Meinungen
Matthias W: · 06.08.2012

Dem Trailer nach zu urteilen ist hier eine gute Idee völlig verwässert umgesetzt.
Kleinemädchenstimme und schwule Barmusik,sehr schade.

Kommentare

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