Castanha

Castanha

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Kunst und Leben

"Life has been your art", heißt es in Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray (1891) – eine Feststellung, die man auch in Bezug auf den Protagonisten in Castanha machen könnte. João Carlos Castanha tritt als Drag Queen in Clubs auf, spielt in Theaterstücken und kleinen Filmproduktionen mit – doch als mindestens ebenso großes Kunstwerk präsentiert der Regisseur Davi Pretto hier das alltägliche Leben des 52-jährigen Brasilianers. Die Übergänge zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem sind dabei stets fließend.
Castanha lebt mit seiner Mutter Celina und deren Hunden in einer Zweizimmerwohnung in Porto Alegre. Sein Vater Francisco befindet sich in einem Pflegeheim; sein drogenabhängiger Neffe Marcelo (Gabriel Nunes) treibt sich auf den Straßen der Stadt herum. Des Nachts arbeitet der Travestiekünstler in Diskotheken, während er tagsüber mit Proben und Drehs beschäftigt ist. Der Lebenswandel ihres Sohnes bereitet Celina ernste Sorgen; überdies bemüht sie sich ausdauernd, ihrem süchtigen Enkel Marcelo zu helfen. Zum einen ist Castanha aber (trotz seines bedenklichen gesundheitlichen Zustandes und trotz seiner erkennbaren Müdigkeit) nicht bereit, den Job zu wechseln und ein konventionell-bürgerliches Dasein zu führen; und zum anderen teilt er das Mitgefühl seiner Mutter für Marcelo keineswegs – weshalb er schließlich eine äußerst drastische Maßnahme ergreift.

Überaus stimmig verbindet Pretto in seinem Werk dokumentarische Beobachtungen mit inszenierten Passagen. Das Nachtleben in Porto Alegre (insbesondere in diversen schummrigen Tanzlokalen und Gay Bars) wird präzise eingefangen – wobei vor allem im Blick hinter die Kulissen des Betriebes ein großer Reiz liegt: Während die Beatmusik auf den "Hauptbühnen" der zahlreichen Vergnügungsstätten das Young-and-Fun-Gefühl einer ewigen Party evoziert, zeigt die Kamera, wie Castanha in den wenig glamourösen Backstage-Räumen mit der nötigen Sorgfalt sein grelles Make-up auf sein sichtbar gealtertes Gesicht aufträgt, ehe die Vorstellung beginnt. Das Showbusiness ist hier fraglos ein Geschäft; gleichwohl demonstrieren die Ausschnitte aus Castanhas überdrehten Performances, wie viel Spaß dem Künstler seine Arbeit macht: Die Auftritte – wilde Mischungen aus derben Scherzen und hochdramatischen Playback-Gesangsnummern – gehören zweifelsohne zu den Highlights des Films und bilden einen Kontrast zu den melancholischen, intimen Momenten, in welchen Castanha etwa vom Verlust nahestehender Menschen erzählt.

Das Werk, das mit kleinem Team und extrem niedrigem Budget entstanden ist, funktioniert indes nicht nur als Milieustudie, sondern zugleich als Mutter-Sohn-Drama. Für das Zusammenleben von Castanha und Celina in der beinahe spießigen Wohnanlage findet Pretto anrührende Bilder. Den Gedanken und Gefühlen der Mutter wird erfreulicherweise ein angemessener Raum gegeben. Neben der Rolle als Sohn und jener als Drag Queen sowie Bühnen- und Filmschauspieler kommt Castanha bei Pretto noch ein weiterer, recht sinistrer Part zu. Im Marcelo-Erzählstrang wird Castanha (der Film) zur Crime-Story, gar zu einem experimentellen Schocker mit bedrohlicher Lärmkulisse und reichlich Kunstblut. Auf diese Weise wird die Neigung der Titelfigur, mit verschiedenen Identitäten zu spielen, gelungen erfasst; die Verschränkung von Dokumentar- und Spielfilm überzeugt. Castanha ist die faszinierende Betrachtung eines Faszinosums.

Castanha

"Life has been your art", heißt es in Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" (1891) – eine Feststellung, die man auch in Bezug auf den Protagonisten in "Castanha" machen könnte. João Carlos Castanha tritt als Drag Queen in Clubs auf, spielt in Theaterstücken und kleinen Filmproduktionen mit – doch als mindestens ebenso großes Kunstwerk präsentiert der Regisseur Davi Pretto hier das alltägliche Leben des 52-jährigen Brasilianers.
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