Casbah - Verbotene Gassen

Casbah - Verbotene Gassen

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Casablanca ist weit

„Casbah ist ein altes algerisches Wort und bedeutet in etwa Festung“, erklärt der Fremdenführer einer kleinen Gästegruppe im Straßengewusel Algiers. Burgartig schlängeln sich dort hunderte Dächer und Türmchen den Haupthügel der algerischen Hauptstadt hinauf. Was in der nicht-filmischen Wirklichkeit längst zum UNESCO-Weltkulturerbe (seit 1992) erklärt wurde, wirkt in John Berrys Film-noir-Mäzchen Casbah – Verbotene Gassen wie eine unvollendete Pappmaché-Kulisse mit schludrig ausgeführter Bühnenmalerei. Vom einst hochprofessionellen Glanz des alten Hollywood-Studiosystems ist hier in der Tat wenig zu spüren. Seltsam leblos wirken die einzelnen Set-Design-Teilchen (z.B. der Marktplatz oder die Hotellobby), seltsam leblos spielen auch die Akteure ihre obendrein hanebüchenen Rollen.
Das kann im Falle Peter Lorres noch halbwegs gut gehen – und tut es en gros auch: Der berühmte österreichisch-ungarische Exilant – weltbekannt seit M – Eine Stadt sucht einen Mörder – ist im Grunde der einzige Lichtblick in Berrys insgesamt kruder, mitunter sogar sehr zähflüssiger Mixtur aus Film-noir-, Musical-, romantic-comedy- und Drama-Elementen. Von expressiven Schattenmanövern keine Spur, nicht einmal die genretypische low-key-Beleuchtung ist durchweg passabel gesetzt. Abgründig-verruchte femmes fatales (totenbleich: die Exil-Schwedin Marta Toren) sind an dieser Stelle nirgends zu sichten, genauso wenig wie raffiniert-verblüffende plot points, mit denen filmische Vertreter der „Schwarzen Serie“ (Paul Werner) ansonsten gerne geimpft sind. Und wenn dann auch noch (deutlich erkennbar) lieblos geschminkte Statisten beginnen, in pseudo-exotischen Tanzposen zu brillieren, ist die Schmerzgrenze des Sehens erreicht – und das Lachen beginnt.

Wenn da nicht noch Lorres ausgebufft-hinkender Schauspielduktus wäre, der immer einen Tick verzögert wirkt, ehe sich die Zuschauerschar fast schon automatisch ein weiteres Mal auf das kühne Augen-Spiel des Charakterboliden stürzt: Diesem markanten Augenpaar entkommt wirklich niemand im Kinosessel. Das ist pure Leinwandmagie!

„Wenn wir die Augen schließen, ergreift uns Peter Lorres Stimme – wenn wir sie öffnen, können wir uns an seinem verschatteten Blick nicht sattsehen“, beschrieb das einmal Hanns Zischler – selbst ein international agierender Schauspieler – so schön wie präzise. Und auf diese Weise kann sich der Zuschauer in Casbah – Verbotene Gassen wenigstens passagenweise auf Lorres schauspielerisch-schlängelnde Top-Fähigkeiten einlassen – und den Rest der miserablen Geschichte getrost ausblenden.

Denn Peter Lorre ist der einzige Mime in diesem durchaus prominent besetzten Film-noir-Hybriden, der seinen Part eines seltsam umhermäandernden Inspektors (Slimane) ansatzweise glaubhaft und mit einer nur ihm so typischen Note von Exilanten-Esprit verkörpert. Wenn er am Ende dem ausgetricksten Juwelenräuber Pepe Le Moko (Tony Martin, der nur physisch – nicht schauspielerisch – dem jungen Tony Curtis gleicht) lässig-nonchalant eine letzte Kippe anzündet, dann blitzt ein weiteres Mal die exquisite Leistungsfähigkeit im Spiel des 1964 gestorbenen Ausnahmeschauspielers auf: Er war wirklich ein Großer seines Fachs.

Was man so nicht unbedingt von John Berry behaupten kann, dessen Casbah – Verbotene Gassen damals wie heute eher wie eine halbherzig ausgeführte Auftragsarbeit wirkt, die Casablanca sein will – und doch nur in Drittklassigkeit versackt. Dabei hatte der Sohn jüdischer Eltern aus der Bronx doch 1938 bei keinem Geringeren als Orson Welles (z.B. als Regieassistent und Schauspieler in dessen Kurzfilm Too Much) das Filmemachen erlernt. Kurz darauf folgten auch noch weitere Mini-Parts wie in Billy Wilders Film-noir-Klassiker Double Indemnity (1944), was allerdings handwerklich wie künstlerisch in der eigenen Arbeit offensichtlich niemals fruchtete. Nein, noch viel schlimmer: Gleich mehrere Musical-Szenen, die von Erik Charell (Der Kongreß tanzt), einem weiteren berühmten Exilanten, in Szene gesetzt wurden, lösen vielmehr unfreiwillige Komik denn Liebesthrill aus. Deckel drauf – und zurück in die Abstellkammer der Filmgeschichte. Dort kann Tony Martin gerne weiter „For every man there’s a woman“ schluchzen. Nur bitte ohne Zuschauer.

Casbah - Verbotene Gassen

„Casbah ist ein altes algerisches Wort und bedeutet in etwa Festung“, erklärt der Fremdenführer einer kleinen Gästegruppe im Straßengewusel Algiers. Burgartig schlängeln sich dort hunderte Dächer und Türmchen den Haupthügel der algerischen Hauptstadt hinauf. Was in der nicht-filmischen Wirklichkeit längst zum UNESCO-Weltkulturerbe (seit 1992) erklärt wurde, wirkt in John Berrys Film-noir-Mäzchen „Casbah – Verbotene Gassen“ wie eine unvollendete Pappmaché-Kulisse mit schludrig ausgeführter Bühnenmalerei.
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